Ich bin in meinem Leben 5 Jahre lang zur See gefahren, 3 Jahre davon auf einem Kriegsschiff der Bundesmarine (hatte mich für 4 Jahre verpflichtet). Eines der Fächer, in denen ich im ersten Jahr ausgebildet wurde, war das Fach “Taktische Navigation”. Da ging es darum, in einem Einsatz möglichst schnell an den erforderlichen Ort zu gelangen; in einer Formation von Schiffen den anderen möglichst nicht über den Haufen zu fahren und auch beim dicksten Nebel in der Lage zu sein, in den Heimathafen einzulaufen.
Was man ganz am Anfang lernt, das ABC sozusagen, ist die Bestimmung eines Kurses. Ein Kurs ist, wenn keine Umwege und multiplen Kursänderungen vorgesehen sind, eine Linie, also eine Verbindung zwischen zwei Punkten. Und wenn ich einen Kurs bestimmen will, dann brauche ich diese Punkte: Den Eigenstandort und das Ziel.
Das gilt nicht nur für nautische Navigation, sondern auch für den Kurs des Lebens, sei es für mich selbst oder auch für eine Gemeinde. Wenn ich kein Ziel für mein Leben habe, nichts, wofür es sich lohnt, jeden Morgen aufzustehen, zu leben und zu arbeiten, dann dümple ich einfach nur so in den Wellen des Alltags herum und frage mich irgendwann: “Wozu das alles?”. Wenn ich nicht weiß, wo ich selbst stehe (oder – auch das kommt vor – es gar nicht wissen will), dann kann es passieren, dass ich ein noch so nobles Ziel nicht erreiche oder auch daran vorbeischieße, weil ich nicht in der Lage war, den richtigen Kurs zu bestimmen.
Selbstreflexion ist etwas, was uns ungemein hilft, im Leben die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Klar, es sollte nicht in Nabelbeschau ausarten, nicht zum endlosen Kreisen um sich selbst führen. Nur zur Standortbestimmung. Wo stehe ich und wo will ich hin?
Ich erlebe immer wieder Zeiten, in denen ich merke, dass Gott etwas mir mir vorhat. Dass er mich dazu ruft, ausgelatschte Pfade zu verlassen, die mich nur im Kreis führen, dass er mich davor bewahren will, dass meine Beziehung zu ihm zur öden Routine wird, die halt irgendwie zum Leben dazugehört. Das ist die eine Seite.
Die andere Seite ist die, dass ich zwar weiß, dass eben das gut für mich wäre, mich darauf einzulassen, dass ich aber nur schwer mich darauf einlassen kann, Sicherheiten aufzugeben. Oder ein Leben, in dem ich mich eingerichtet habe. Was für ein Zwiespalt: Eigentlich nervt mich die vorhersagbare bürgerliche “Frömmigkeit”, auf der anderen Seite finde ich sie so bequem, dass ich sie nicht aufgeben will, um mit Gott mehr zu erleben. Mist, sowas. Muss wohl so eine Art Geist/Fleisch-Konflikt sein, wie ihn Paulus in Galater 5,17 beschreibt, wenn auch noch nicht auf der Ebene konkreter Handlungen.
Mir kommt immer wieder ein Gedicht (oder Gebet) in den Sinn, das mir vor zwei Jahren eine Bekannte geschickt hat, und das ich “zufälligerweise” während meiner Auszeit in Spiekeroog erhalten habe, auch so eine Gelegenheit zur Eigenstandort-Bestimmung. Es ist ehrlich; es hilft mir, ehrlich vor Gott und mir selbst zu sein und öffnet mir so neu die Tür, die Gnade und Fürsorge Gottes zu erfahren.
Ich hab viel zu lang dicke Masken getragen,
Rollen gespielt, auf Schein gelebt,
viel zu lang den Leerlauf ertragen,
den Schlüssel zum Leben im Sand versteckt.
Gefragt was gefällt,
nicht getan was zählt:
Herr, erbarme dich!
Ich hab viel zu oft die Herzwand verriegelt,
Runden gedreht in der Egobahn,
viel zu oft Seelenrisse gebügelt,
die Haut gerettet so gut ich kann.
Den Weg verstellt,
nicht getan was zählt:
Christus, erbarme dich!
Ich hab viel zu sehr dem Diesseits gehuldigt,
Lichter der Welt ins Herz gehängt,
viel zu sehr mich bestens entschuldigt,
dich und dein Wort ins Abseits gedrängt.
Gesucht was nicht hält,
nicht getan was zählt:
Herr, erbarme dich!
Das mag sich beim ersten Mal nicht aufbauend anhören – und trotzdem tut es gut. Mir zumindest. Denn ich weiß, dass Gott mich nicht wegwirft oder anklagt, sondern dass er mir hilft, von hier aus Ziele zu finden – aber das besprechen wir ein andermal…
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