Gottes Mühlen
“Gottes Mühlen mahlen langsam, aber fein”. Immer wieder wiederholt er diesen Satz. Mich nervt das etwas, weil ich mich gerade in meinem Lieblingscafé in Bad Vilbel niedergelassen habe, mein Milchkaffee ist unterwegs und ich habe es geschafft, mir den neuesten SPIEGEL zu ergattern. Da erst entdecke ich den Mann, der allein am Nebentisch sitzt und immer wieder diesen Satz gegenüber jedem, der vorbeigeht, wiederholt. Zur Feier des Tages lässt er sich ein paar Gläser Sekt bringen. Grund der Feierlaune: Am Tag zuvor wurde der Post-Chef Klaus Zumwinkel von der Staatsanwaltschaft wegen Steuerhinterziehung hochgenommen.
Ich bin mit dem Mann nicht weiter ins Gespräch gekommen (was ich im Nachhinein bedauere), da er anscheinend schon einige Gläser Sekt (und härtere Sachen) intus hatte. Aber der immer wieder wiederholte Satz ging bzw. geht mir doch einige Zeit nach. Nicht wegen Klaus Zumwinkel, sondern wegen der Frage, die sich so häufig in mein Unterbewusstsein schleicht: “Was bringt es eigentlich, gegen das Elend in der Welt anzubeten?” Gegen all die Ungerechtigkeit, den Hunger, die Kriege, die Unterdrückung? Was können da ein paar gestammelte Worte, und wenn sie noch so sehr von Herzen kommen, ausrichten?
Gottes Mühlen mahlen langsam, aber fein. Er steht am Ende der Geschichte, und was auch immer noch im Verlauf der Weltgeschichte (und meiner eigenen) passiert, er behält das Heft in der Hand. Diese Erkenntnis mag nicht alle Ungerechtigkeit in der Welt beseitigen, aber vieles lässt sich leichter tragen – und leichter beten.
Tags: Gebet, Geschichte, Leid
You can comment below, or link to this permanent URL from your own site.