Diakonisches Reifenflicken
Am letzten Montag habe ich mal einen ganzen Vormittag meinem Fahrrad gewidmet. Das wurde gründlich geputzt (zum ersten Mal, seit ich’s gekauft habe – das ist so etwa 4 Jahre her…), ein neuer Vorderreifen wurde aufgezogen, weil am alten schon die Textillage zu sehen war; die eine oder andere Kabelleitung für die Lichter wurde erneuert und die Kunststoffpedale durch solche aus Metall ersetzt. Ich hatte glatt vergessen, was für ein befriedigendes Gefühl es ist (vor allem für mich als Überwiegend-Schreibtisch-Täter), nach einer solchen Arbeit mit schmutzigen Händen und gebrauchtem Werkzeug vor der eigenen Hände Werk zu stehen und auf Anhieb die Früchte seiner Arbeit zu sehen.
Als ich gerade mitten im Prozess des Reifenwechsels war – der ging etwas länger, da ich den Reifen beim ersten Mal falsch ‘rum aufzog – kam eine der Töchter einer alleinerziehenden Mutter, die mit ihren zwei Kindern im selben Haus wie wir wohnt, zu mir in den Hof und fragte mich, ob ich denn auch mal nach ihrem Fahrrad schauen könnte – das hat gleich 2 platte Reifen. Ich sagte, dass ich dafür leider keine Zeit hätte, was ja an dem Tag auch stimmte. Aber die Frage hat mich seither nicht losgelassen (verrückt, oder?)
Am kommenden Sonntag veranstalten wir in der Gemeinde einen Brunch-Gottesdienst mit einer Predigt zum Thema “Diakonie”. Ich stelle fest, dass es mir schwer fällt, mich hinzusetzen und mit der Predigt anzufangen, weil mir die ganze Zeit das fragende Mädchen und ihr enttäuschtes Gesicht ob meiner Absage im Kopf rumspuken. Und da muss ich denken: “Was tue ich hier eigenlich?” Mein Interesse sollte ja eigentlich den Menschen gelten, und nicht nur der Frage, ob sie statistisch verwertbar den Gottesdienst besuchen (übertrieben ausgedrückt). Also liegt es nahe: Bücher zumachen, Computer runterfahren, nach Hause und diakonisch Fahrradreifen flicken. Nicht, um die Leute in den Gottesdienst zu kriegen, sondern weil genau das – mehr als alle Worte meiner Predigt – ein sichtbares Zeichen sein kann, dass Gott sie liebt!
Tags: Arbeit, Diakonie, Reifenwechsel
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