“Jesus Camp” oder Kinderarbeit zum Abgewöhnen…
Mir ist in den letzten Monaten doch aufgefallen, dass Christen, die ihren Glauben ernst nehmen, in aller Regel nicht sonderlich gut in den Medien wegkommen. Da sieht man im Abendprogramm schon mal Sendungen mit netten, verheißungsvollen und unvoreingenommenen Titeln wie “Die Hardliner des Herrn” oder “Jesus’ junge Garde”, oder Beiträge zum Thema “Kreationismus” in Wissenschaftssendungen. Und das sind nur 3 Beispiele, die allein auf den öffentlich-rechtlichen gelaufen sind. Die Zielrichtung ist klar: Evangelikale Christen (ich mag zwar Etiketten dieser Art nicht, aber ich bin nun mal selbst diesem Spektrum zuzuordnen) sollen in unmittelbarer gesellschaftlicher und ideologischer Nachbarschaft zu solch netten Menschen wie militanten Muslimen angesiedelt werden. Hinweise darauf, dass die überwältigende Mehrzahl von Christen in Deutschland weder sich in vollbesetzten Bussen in die Luft sprengen, noch Menschen anderer Meinung gegenüber gewalttätig werden, noch die Weltherrschaft anstreben, wurden beim Verarbeiten der jeweiligen Recherche glatt vergessen. Ok, man lernt damit zu leben, aber es nervt doch irgendwann mal, ständig den Stempel “Fundi” aufgedrückt zu bekommen.
Dummerweise gibt es innerhalb der Gemeinde Christi immer wieder mal Menschen, die die Munition für solche Beiträge liefern (die ja in aller Regel nicht auf die evangelikalen “Normalos”, sondern die Freaks zum Sendeobjekt machen…). Ein Film, den ich in dem Zusammenhang schockierend fand, war die Dokumentation “Jesus Camp”, die im Jahr 2006 in die Kinos kam (bei Youtube zu sehen). Darin wird ein Sommer-Ferien-Camp gezeigt, das von einer Kindermissionarin namens Becky Fischer im US-Bundesstaat North Dakota für einige Jahre veranstaltet wurde. Nicht die Art und Weise, wie der Film medial aufbereitet wurde, war schockierend, sondern das, was er zeigte.
Beispiele: Szenen aus einer Kinderveranstaltung, in denen nicht gelehrt, sondern eingepeitscht wird. Noch nicht einmal 10jährige Kinder, die (nach entsprechender Bearbeitung) genau Bescheid wissen, in welchen Gemeinden Gott gegenwärtig ist (nämlich die eines bestimmten theologischen Zuschnitts) und in welchen nicht (alle anderen). Besonders perfide: Politische Indoktrination im frommen Gewand (”Den Klimawandel gibt es nicht … wir können alle Ressourcen ausbeuten, alles Öl verbrauchen, weil Jesus sowieso bald wiederkommt”. Kleine Anmerkung: dieses Argument höre ich öfter, und es gibt für mich keine dümmere Ausrede, als die Verantwortung für kommende Generationen von sich zu schieben…) Ich könnte noch einiges mehr zitieren.
Gut, man kann argumentieren, dass immerhin Jesus verkündigt wird, dass Kinder und Jugendliche für den Glauben und die Misison begeistert werden und der Heilige Geist dort wirkt. Zudem hat Becky Fischer mit einigen ihrer Analysen wirklich recht. Es stimmt manchmal, dass wir in den Kindergottesdiensten immer wieder dieselben biblischen Geschichten wiederholen, und das bis zum Ende des Biblischen Unterrichts, ohne auf den persönlichen Glauben der Teenager zu achten. Den Schuh muss ich durchaus auch mir selbst anziehen.
Das alles mag ja sein, aber ich finde die Art und Weise, den Verstand von Kindern so zu manipulieren, widerlich. Tut mir leid, ein anderes Wort finde ich dafür nicht. Ich weiß, das ist ein böse klingender Vergleich, aber die eine oder andere Szene in dem Film hat mich an kollektive Jugenderziehung aus einem dunklen Kapitel deutscher Geschichte erinnert.
Warum mich das so aufregt? Weil ich selbst Vater von 2 kleinen Kindern (bald 3) bin. Ich wünsche mir für sie nichts sehnlicher, als dass sie eines Tages ihren Weg zu und mit Jesus finden und gehen werden. Aber ich will sie zu mündigen, verantwortlichen Menschen erziehen, Menschen, die selbst prüfen und entscheiden können. Und ich will sie keiner Gehirnwäsche aussetzen, die sie unfähig macht, das Alltagsleben mit seinen Höhen und den eben auch vorkommenden Tiefen zu bewältigen. Möge Gott mir die Weisheit dazu geben!
Tags: Erziehung, Glaube, Jesus Camp, Kinder, Medien
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April 16, 2008 at 9:47
mich regt das auch auf!
wenn erwachsene manipuliert werden ist es schon schlimm genug, aber wenn das gleiche mit kindern gemacht wird, muss man solche machenschaften kriminell nennen. das hat wenig mit christsein, aber viel mit machtanspruch zu tun.
“Aber ich will sie zu mündigen, verantwortlichen Menschen erziehen, Menschen, die selbst prüfen und entscheiden können. Und ich will sie keiner Gehirnwäsche aussetzen, die sie unfähig macht, das Alltagsleben mit seinen Höhen und den eben auch vorkommenden Tiefen zu bewältigen.”
und dazu gehört auch, dass wir ihnen vorleben, sich auch kritisch mit der eigenen “religiösen ecke” auseinander zu setzen.
April 16, 2008 at 9:56
siehe dies zum gleichen / ähnlichen thema:
http://himmelunderde.wordpress.com/2007/11/19/jesus-glauben-beten-zumutung/
April 17, 2008 at 6:18
Hi Rika,
Herzlich willkommen erstmal. Interessante Biografie, die da auf Deinem Blog zu lesen ist, immer wieder schön, jemand zu treffen, der nicht einfach nur Platitüden nachplappert sondern kritisch hinterfragt.
Mit meiner eigenen “religiösen” Ecke habe ich mich als Junger Erwachsener auseinandergesetzt. Was damals dazu führte, dass ich mich gemeindemäßig umorientierte und in der Freikirche, in der ich damals gelandet bin, immer noch zuhause bin. Die hat zwar auch Ecken und Kanten, aber so, wie ich’s bis jetzt erlebt habe, wird damit auch offen umgegangen. Und es ist vor allem ein weites Spektrum an geistlichen Prägungen da, die sich zwar immer mal wieder aneinander reiben, aber im Großen und Ganzen es doch schaffen, sich gegenseitig stehen zu lassen. Und das finde ich gut.
Ich selbst habe in einem 2jährigen Auslandsaufenthalt mit einem Missionswerk erst gelernt, die Vielfalt innerhalb der Gemeinde Christi als Bereicherung zu entdecken und zu sehen. Ich habe zwar meinen eigenen Standpunkt und, ganz klar, es gibt auch Grenzen dessen, was ich als Christ glauben kann und was nicht, aber ich habe gelernt, mit einem offenen Herzen auch die Christen zu akzeptieren, deren Anbetungs- oder Gottesdienststil vielleicht nicht der meine sein mag.
Im Augenblick freue ich mich auch über den direkten begeisterten und positiv unreflektierten Glauben meiner ältesten Tochter. Ihre Gebete, ob beim Essen oder vor dem Schlafengehen bringen mich öfters mal zum Lachen – oder zum Weinen, je nachdem…