Ganz(heitlich) glauben - Inseltagebuch, Teil 3
April 27, 2008 von curioustraveller
So, hier sitze ich am zweitletzten Tag meines Inselaufenthaltes im Inselcafé (das auch einen Hotspot hat, nicht teurer ist als das Internetcafé und eine wesentlich größere Auswahl an Heißgetränken hat…). Neben mir einen Orignial-Ostfriesentee mit Kluntje (Kandiszucker, für Nicht-Friesen) und Sahne, Im Hintergrund singt Moya Brennan “Don’t give up”, draußen ist schönes Wetter und ich habe heute morgen im Rahmen des Jazzfestivals einen Gottesdienst mit Gospel- und Soulbegleitung in der neuen Inselkirche miterlebt. Ich bin schon fast versucht, zu sagen: “Besser kann das Leben kaum werden”, das einzige, was mir wirklich fehlt, ist meine Familie. Morgen früh werden mein Schwiegervater und Yasmin als Tagesgäste mitkommen und abends fahren wir gemeinsam zurück. Freue mich schon drauf. Und natürlich auch auf das Wiedersehen mit Junia und meiner lieben Frau am Abend.
Womit ich mich inhaltlich beschäftigt habe? Ich habe das vor kurzem vorgestellte Buch meines Kollegen Christof Lenzen, “Glauben genießen” durchgelesen (nachdem ich es vorher mal “quergelesen” hatte), ebenso ein Buch mit dem Titel “Lobpreis wie Popcorn” (dazu in den kommenden Wochen mal mehr) und gerade mache ich mich wieder an “Jesus von Nazareth” von Bendedikt XIV. (Übrigens: Ich habe nicht vor, katholisch zu werden, nur um etwaige Befürchtungen zu zerstreuen…)
Nachgedacht habe ich viel über die Frage, wie mein Glaube wieder direkter, unmittelbarer, lebendiger, tiefer werden kann. Das beschäftigt mich schon länger, vor allem, weil ich immer wieder den Eindruck habe, das mein Glaube so schnell geschäftig, “businesslike” wird, nach dem Motto: Ist ja schließlich mein Job. Auf die Dauer kann das aber nicht funktionieren, denn ich kann ja kaum anderen weitergeben, was bei mir selbst nicht oder nur unzureichend vorhanden ist.
Da kam die Lektüre des Römerbriefs in dieser Zeit gerade recht - ich blieb an den ersten Versen des 12. Kapitels hängen, Verse, die ich schon zig Male gelesen und über die ich schon mehrfach gepredigt habe:
Brüder und Schwestern, weil Gott so viel Erbarmen mit euch gehabt hat, bitte und ermahne ich euch: Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung! Bringt euch Gott als lebendiges Opfer dar, ein Opfer völliger Hingabe, an dem er Freude hat. Das ist für euch der »vernunftgemäße« Gottesdienst. Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an. Lasst euch vielmehr von Gott umwandeln, damit euer ganzes Denken erneuert wird. Dann könnt ihr euch ein sicheres Urteil bilden, welches Verhalten dem Willen Gottes entspricht, und wisst in jedem einzelnen Fall, was gut und gottgefällig und vollkommen ist.
Jeder mag ja diesen Text mit seinen eigenen Augen lesen und vielleicht sogar auf unterschiedliche Art und Weise verstehen. Mir wurde auf jeden Fall wichtig, dass Glaube etwas ist, was mein Leben bestimmen soll, und nicht nur als Gedankengespinst in meinem Kopf bleiben. Keine umwerfend neue Erkenntnis, nicht wahr? Aber irgendwie eine, die mich hier schwer beschäftigt hat. “Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an” - seid anders, richtet euch allein an Gott aus, auch wenn das heißt, gesellschaftlichen Gegenwind in Kauf zu nehmen oder Unverständnis und vielleicht sogar manchmal Spott.
Das ist ein für mich wichtiger Vers, weil ich zum einen ein sehr harmoniebedürftiger Mensch bin und eigentlich Konflikte scheue, auch wenn ich gerade in den Jahren meines Dienstes in der Hinsicht einiges dazugelernt habe. Zum Andern bin ich ein Mensch, der gerne “in Ruhe gelassen” werden möchte. Das hat manchmal seine Berechtigung, ich brauche, wie gesagt, ab und zu Zeiten der Stille, auch und gerade für mein geistliches Leben. Aber es heißt eben auch, dass ich oft in Gefahr laufe, die “formalen” Seiten meines Dienstes der Begegnung mit Menschen vorzuziehen. Auch ein Thema, an dem ich gerade intensiv arbeite. Ich bin ja mal gespannt, wo mich diese Gedanken noch hinführen werden und wie ich sie lebendig erhalten kann…
also mich beschäftigt schon seit Jahren das Thema wie man Glauben überhaupt noch in der heutigen Zeit findet. Die Kirche als Guide hat für mich meistens sowas Abschreckendes. Ich war in meinem ganzen Leben nur bei einem einzigen Gottesdienst, der wirklich tiefgreifend und bewegend war. Jene freie Gemeinde hatte mehr minderjährige Mitglieder als Erwachsene und dementsprechend war auch das Programm. Jugendliche hatten es gestaltet im Bezug auf das reale Leben und das Gebet des Pfarrers kam aus tiefstem Herzen und war nicht abgelesen.
Glauben ist daher für mich eher zu einer persönlichen Ansichtsweise geworden, eine Grauzone in der ich nicht weiss ob es einen Gott gibt oder nicht. Der eine sucht, der andere hat schon gefunden. Vielleicht kommt irgendwann auch bei mir die Erleuchtung.
Hi Kleeblumenkranz,
Ich glaube - nein, ich weiß - dass Gott sich finden lässt, wenn man ihn von Herzen sucht. Das meine ich nicht als Belehrung, sondern zum Mut machen. Das wir Christen unserer eigenen Botschaft oft selbst im Weg stehen, sei es durch die Art und Weise unserer Gottesdienste oder durch unser Verhalten, steht außer Frage. Zum Glück ist da, was Kirchen und Gemeinden angeht, das Spektrum recht vielfältig und für fast jeden was dabei.
Wenn Du Gott suchst, dann sprich doch mal aufs “Geratewohl” mit ihm - das war zumindest bei mir ein guter Anfang.
Grüße!