Gibt es einen gerechten Krieg?

So, hier ein Beitrag aus dem Urlaub. Die Urlaubszeit nutze ich ja sonst immer, um mir über ein bestimmtes Thema ein paar Gedanken zu machen. Hat diesmal nicht wirklich geklappt, weil das Wetter die ganze Zeit ziemlich regnerisch war und ich zwei kleine Mädels zu bändigen und zu entertainen hatte, mehr als sonst, da das Kräftespektrum meiner Frau im Endstadium der Schwangerschaft doch ziemlich eingeschränkt ist.

Wegbegleiter hat mit diesem Artikel ein Thema angestoßen, das ich sehr interessant fand. Die dort gezeigte Szene rührt zu Tränen, besonders, wenn man selbst Kinder hat, und sie zeigt ein Teil der unmenschlichen Seite des Krieges. In der folgenden Diskussion ging es um die Frage nach dem “gerechten Krieg” und um andere verwandte Detailthemen.

Das war eine Frage, die mich schon ein paar Mal beschäftigt hat. Ich war schon Christ, als ich mich für den Militärdienst entschied. Ich leistete nicht nur Grundwehrdienst, sondern war Zeitsoldat für 4 Jahre. Eine Szene aus dem Aufnahmeverfahren in Wilhelmshaven ist mir noch gut im Gedächtnis. Da bekamen alle Bewerber einen Fragebogen zur Person, auf dem u.a. die Frage war, was denn das Wichtigste bzw. das wichtigste Ziel im Leben sei. (Die Frage dient u.a. dazu, die individuelle Belastbarkeit und Einsatz- bzw. Stressfähigkeit des Einzelnen festzustellen). 

Erschreckend viele konnten mit der Frage gar nichts anfangen. Ich schrieb von meinem Glauben an Jesus. Womit wiederum die zuständigen Offiziere nichts anfangen konnten. Einer sagte mir, sichtlich irritiert: “Was sie mir hier als wichtigsten Lebensinhalt darstellen, wird normalerweise von Kriegsdienstverweigerern als Begründung angeführt”. Auf die folgende Frage, ob ich denn auf Befehl hin von der Waffe Gebrauch machen würde, wenn es drauf ankäme, antwortete ich zunächst mal: “Auf keinen Fall, wenn es gegen geltendes Völkerrecht verstoßen würde. Und im anderen Fall muss ich ehrlich sein: Ich weiß es nicht.” Ich wusste zwar, dass ich im Begriff war, mir einen Arbeitgeber zu wählen, der eines Tages genau das von mir verlangen könnte, auf der anderen Seite bin ich kein gewalttätiger Mensch und von der Persönlichkeit her eher konfliktvermeidend (Ich arbeite dran!).

Ich hatte mir im Vorfeld nicht so viele Gedanken gemacht, wie es vielleicht bei einer solchen Entscheidung erfoderlich wäre. Erst als ich schon in der Uniform steckte und mich auf der Schießbahn befand, fing ich an, mir so richtig Gedanken zu machen: “Würdest Du das echt machen??” Die Frage kann ich bis heute nicht beantworten. Ein festes “Ja” wäre so unehrlich wie ein “Nein”. Ich weiß es wirklich nicht. Und ich hoffe, nie in die Situation zu kommen, es wissen zu müssen.

Die Frage, dich ich – über die Dimension meiner eigenen Persönlichkeit hinaus – interessant fand, ist eben diese Frage nach dem “gerechten Krieg”. Was ist das eigentlich? Und wenn wir diesen Begriff definiert haben, gibt es so was überhaupt?

Die Theorie vom gerechten Krieg (bellum iustum) soll anhand einiger Kriterien die Prüfung ermöglichen, ob militärische Gewalt in bestimmten Situationen ethisch gerechtfertigt sein könne. Solche Kritierien sind u.a. ein Grund, der die Gewalt rechtfertigt (iusta causa), die gerechte Absicht (recta intentio), die vernünftige Aussicht auf Erfolg, die Verhältnismäßigkeit der Mittel und der Vorsatz, den Krieg nur als letztes mögliches Mittel (ultima ratio) anzuwenden. Schon allein die Sammlung dieser Kriterien zeigt uns: einen gerechten Krieg gibt es nicht. Nirgendwo in der Geschichte. Auch Kriege, die aus durchaus noblen Gründen geführt werden (und ich glaube, dass es das gibt – die Befreiung Europas von der Nazi-Herrschaft war z.B. für mich ein nobler Grund), sind unmenschlich, grausam, sie hinterlassen schwere Schäden, sowohl bei den überlebenden Soldaten als auch bei den Zivilisten beider beteiligter Seiten. Und vor allem: Es spielen auch immer machtpolitische und wirtschaftliche Interessen mit.

Krieg ist das Resultat einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. Und in einer solchen – leider – unvermeidlich. Einen gerechten Krieg gibt es nicht, wohl aber – aus meiner Sicht – grundsätzlich das Recht eines Landes oder Volkes, sich gegen einen Angriff zur Not auch mit Gewalt zur Wehr zu setzen. Einfache Antworten gibt es in der Frage nicht und die Praxis mach häufig alle theoretischen Gedankengebäude, die sagen wollen, wie wann was zu sein hat, zunichte. Krieg hat seine eigene Dynamik und macht sich seine eigenen Gesetze.

Die andere Frage ist natürlich, wie ich mich als Nachfolger von Jesus in der Frage verhalten soll. Da bin ich zunächst mal aufgefordert, unter den Menschen, mit denen ich unmittelbar zusammenlebe, Friedensstifter zu sein. Was ich häufig schon schwer genug finde, nicht nur, weil die anderen so unbelehrbar wären, sondern weil ich selbst merke, dass ich mich da in manchen Bereichen ändern muss. Als Christ bin ich aufgerufen, Dinge wie Neid, Habgier, Hass, Überheblichkeit und dergleichen abzulegen – alles Gründe, die in der Geschichte mehr als einmal zu Kriegen geführt haben.

Krieg gehört zu dieser Welt. Leider. Eine Welt komplett ohne Krieg und Gewalt wird es in dieser Welt nicht geben, da nimmt uns Jesus selbst sämtliche Illusionen. Was nicht heißt, dass wir das schulterzuckend akzeptieren müssen: Da, wo wir als Christen hingestellt sind, sollen wir Friedensstifter sein, sozusagen als Vorgeschmack auf Gottes neue Welt, in der es keinen Krieg mehr geben wird. Eine Aufgabe, an der die Kirche oft genug gescheitert ist, die aber nichtsdestoweniger immer noch besteht. Abseits von allen theoretischen Gedanenspielereien, ganz konkret in unserem alltäglichen Umfeld.

Explore posts in the same categories: Aktuelles, Alltägliches, Gemeinde, Gesellschaft, Glaube

Tags: , , ,

You can comment below, or link to this permanent URL from your own site.

One Comment on “Gibt es einen gerechten Krieg?”

  1. kleeblumenkranz Says:

    Beim Lesen dieses Textes dachte ich erst mal folgendes: Dieser Text stammt aus der Feder eines wissenden Menschen, anspruchsvoll und durchdacht.

    “Einfache Antworten gibt es in der Frage nicht und die Praxis mach häufig alle theoretischen Gedankengebäude, die sagen wollen, wie wann was zu sein hat, zunichte. Krieg hat seine eigene Dynamik und macht sich seine eigenen Gesetze.”

    Du hast geschafft genau das in Worte zu fassen worüber die Menschheit schon seit Beginn ihrer Existenz streitet. Es gibt keine Antwort auf die Frage ob es einen gerechten Krieg gibt. Die Wirklichkeit ist Ansichtssache. Alles was bleibt, ist der Glaube und auch der Glaube an das Gute im Menschen und ein Hoffen auf die bessere Zukunft. Ich denke man kann Kriege nur dann einschränken wenn jeder Mensch auf dieser Erde Zugang zu sauberem Wasser, Nahrung, Bildung und einer medizinischen Grundversorgung hat. Und dann sind da natürlich noch die Freiheit und Gerechtigkeit. Wenn alle diese Faktoren zusammen kommen, dann wird Krieg uninteressant und keiner will mehr mitmachen.
    Die Entscheidung ob man für sein Vaterland zur Waffe greift ist sicherlich nicht leicht und den Ausspruch “Soldaten sind Mörder” halte ich von vornerein auch nicht für gerechtfertigt. Zu komplex ist das was dahinter steht.


Comment: