Evangelikaliban?

Ich nehme mir so einmal die Woche Zeit, mich in Vilbel in ein Café zu trollen, um dort die größeren Nachrichtenmagazine und Zeitungen durchzuforsten. Das ist bei einer Tasse Milchkaffee schön entspannt und vor allem wesentlich billiger, als wenn ich die Zeitschriften abonnieren würde.

Heute morgen also bei einer Tasse Kaffee die Lektüre des aktuellen SPIEGEL. Auf S. 28 der aktuellen Ausgabe findet sich ein Artikel unter der Überschrift „In Gottes Namen“, ein Text über Rita S. und Anita G., die beiden Bibelschülerinnen der Bibelschule Brake, die vergangene Woche im Jemen von extremistischen Muslimen ermordet wurden. Sie waren Mitarbeiterinnen in einem kleinen Krankenhaus in der jemenitischen Provinz Saada, ein Krankenhaus, das von einer niederländischen (so viel ich weiß, christlichen) Hilfsorganisation betrieben wird.

Was mich ärgert, ist der Unterton des Artikels. Der lässt sich in einem Satz etwa so zusammenfassen: „Die fanatischen Bibel-Fundis sind selbst schuld„. Und, nach dem Motto „Wo das Aas liegt, sammeln sich die Geier“, springt auch Eduard Trenkel, der Sektenbeauftragte der Evangelischen Landeskirche in Kurhessen-Waldeck, den SPIEGEL-Autoren zur Seite: Die Wirkung evangelikaler Missionare in ärmeren Ländern, vor allem denen zwischen dem 10. und 40. nördlichen Breitengrad, sei „verheerend“. In der Tat: Als ich 2 Jahre im Ausland war, konnte ich mich mit eigenen Augen von der „verheerenden“ Wirkung der Missionare überzeugen: Krankenhäuser, Schulen, Kinderhorte, Agrar-Projekte, Berufsausbildung, bis hin zum Transportwesen – all das waren „verheerende“ Beiträge evangelikaler Missionare zum Leben der Bevölkerung vor Ort (und oft waren die Strukturen, die von den Missionen geschaffen worden waren, die einzigen, die im Land überhaupt einwandfrei funktionierten). Möchte gar nicht wissen, wie viele einheimische Jemeniten in diesem Krankenhaus schon „verheert“ worden sind.

Joachim Schmidt, Sprecher der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, legt noch nach: „Viele Missionare hätten ein klares dualistisches Weltbild – für sie teilt sich die Welt in Licht und dunkel“, beklagt er. Ich empfehle ihm dahingehend mal die Lektüre der Evangelien im Neuen Testament.

Würden tatsächlich (wie es in dem Artikel implizit nahegelegt wird) alle evangelikalen Missionare von ihren Einsatzorten abgezogen werden, dann hätte das in einigen Ländern der dritten Welt spürbare negative Folgen. Aber die sind nun mal aus einem Bürosessel in Kassel schwer abzuschätzen.

Nach einigen einleitenden Sätzen holen die SPIEGEL-Autoren den Knüppel aus dem Sack und verklickern den Lesern mal, wie die evangelikale Szene so drauf ist: „Es ist, in Gottes Namen, ein Milieu, dessen Tonfall sich bisweilen nur in Nuancen – Achtung, jetzt kommt’s – von dem fanatischer Muslime unterscheidet.“

Wow! Irgendwie muss ich die Aufrufe zum Töten Andersgläubiger verpasst haben (muss allerdings gestehen, dass ich die letzten Ausgaben von Idea Spektrum auch nicht mehr gelesen habe…). Und, ehrlich gesagt, sind mir auf evangelikalen Kongressen auch noch nicht so viele verschleierte Frauen begegnet. Und, wo wir schon beim Thema Frauen sind: Die meisten, die ich kenne, sind berufstätig, dürfen ohne männliche Begleitung aus dem Haus gehen, wann sie wollen, sich mit Männern unterhalten und Auto fahren. Und, wenn ich das mal so sagen darf, ich habe noch nie erlebt, das fanatische Muslime ein Krankenhaus für Christen gebaut hätten…

Bin ich da zu idealistisch, oder gibt es einen Unterschied zwischen einem Hass auf alles, was anders glaubt, und der Liebe zu den Menschen – die für Christen eben auch beinhaltet, von ihrem Glauben zu erzählen und auf der Grundlage ihres Glaubens zu handeln, ohne dass der Gesprächspartner zu irgendwas gezwungen wird? In den christlichen Hilfswerken, die ich erlebt habe, wurden Menschen ohne Ansehen der sozialen Klasse oder der Religion behandelt.

Eigentlich lohnt es sich nicht, sich über den SPIEGEL zu ärgern. Der ist nun mal keine kirchen- oder glaubensfreundliche Zeitschrift und dieser spezifische Artikel strotzt nur so von Ignoranz und Arroganz gegenüber angeblich geistig minderbemittelten Bibelfundis. Aber mich drängt es, für die Leute zu beten, die auf dem Missionsfeld ihren Mann bzw. ihre Frau stehen, nicht mit dem Holzhammer, sondern mit Werkzeugen, Fahrzeugen, Büchern, medizinischen Instrumenten und ähnlichem – und die sich in ihrem Dienst ganz in Gottes Hand begeben!

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11 Comments on “Evangelikaliban?”

  1. Dirk Says:

    Mich ärgern solche Berichte gleichermaßen, weil sie Stimmungsmache betreiben und offenbaren, dass ein „Journalist“ eben nicht recherchiert hat und gar nicht an der Wahrheit interessiert ist, sondern Gefallen daran hat, ein Feindbild zu konstruieren.
    Solche Artikel wie die aus dem „Spiegel“ sind schlichtweg falsch, unseriös und …
    vielleicht sollten wir Christen uns öfter mal auf den Minderheiten-Schutz berufen. Die Homosexuellen-Bewegung kann das immerhin auch.

    Dennoch:
    Man soll uns nicht an unseren „Rache-Feldzügen“ erkennen, sondern an der Liebe.
    Deshalb:
    Möge Gott den „Spiegel“ segnen, damit sie lernen, einen guten, ehrlichen Journalismus zu betreiben, der hilft und nicht zerstört.

    Segen für Dich!
    Dirk

  2. curioustraveller Says:

    Ja, ok, du hast recht. Das kann ich nach dem ersten Ärger dann auch. Aber ich überlege mir trotzdem, ob ich nicht einen Leserbrief schreiben soll…

  3. Philip Says:

    Ja, ich möchte dich ermutigen, einen Leserbrief zu schreiben. Ich bin überzeugt, dass du die richtigen Worte dazu findest. Aber Dirk hat natürlich auch Recht. Rumheulen oder Zurückschlagen bringt nichts, die Liebe ist der Maßstab und die erduldet ja bekanntlich alles.

    Was mich besonders traurig macht, dass Vertreter der evangelischen Landeskirchen einfach mit der Welle mitschwimmen und undifferenziert draufhauen. Und bei denen kann ich zu ihrer Verteidigung nicht annehmen, dass sie einfach nur schlecht informiert oder ideologisch geblendet sind wie die Spiegelredakteure. Da steckt Machtkalkül dahinter. Sie merken, dass die Freikirchen ihnen den Rang ablaufen.

    Aber mich drängt es, für die Leute zu beten, die auf dem Missionsfeld ihren Mann bzw. ihre Frau stehen, nicht mit dem Holzhammer, sondern mit Werkzeugen, Fahrzeugen, Büchern, medizinischen Instrumenten und ähnlichem – und die sich in ihrem Dienst ganz in Gottes Hand begeben!

    Dem Gebet schließe ich mich an.

  4. Quincy Says:

    Ich werde bei sowas auch immer wütend. Ich erinnere mich an einen länger zurückliegenden Artikel im Focus über Jesus und die ersten Christen. Wo die Entscheidung Christ zu werden wenig mit Glauben an Jesus zu tun hatte, sondern vielmehr eine sozialpolitische Entscheidung war. Wenn ich mich recht erinnere waren die ersten Christen vor allem Verbrecher, sozial Schwache, Versager (ja das stimmt – Jesus sieht eben nicht auf die Person) usw, für die es einfach soziale Vorteile hatte sich der Gruppe der Christen anzuschließen.

    Das bringt mich auf den Gedanken, dass es wohl für jemanden der sich nicht für Jesus entschieden hat (und damit auch den hl. Geist nicht empfangen hat) nicht möglich ist die Dinge anders zu sehen. Sie sind auf diesem Auge einfach blind. Sie können nicht anders als zu versuchen den Glauben auf eine logisch, wissenschaftliche oder sonstige Art zu erklären. Sie sehen nicht die Gnade die Gott ihnen teilhaben lässt.

    Uns bleibt nur zu beten. Für die einen, dass sie Kraft und Mut haben ihre Arbeit weiterzutun und dem Herrn dienen mit all ihrer Kraft. Für die anderen, dass der Herr ihnen die Augen und das Herz auftut, damit sie ihn sehen und gerettet werden. Und für mich bete ich, dass ich fähig werde ebenso zu dienen wie diese!

  5. Bento Says:

    …zum Glück hat sich mein Frühstück heute schon gesetzt… :-(

    „Der größte Feind des Guten ist nicht das Böse, sondern die Dummheit“, habe ich kürzlich irgendwo gelesen – da könnte was dran sein, jdf. bedient sich das Böse fleißig der Dummheit…

    jetzt weis ich auch wieder, warum ich keine Zeitungen lese und warum Smith Wiggelesworth zu einem Jungen Besucher mal meinte: „Kommen sie rein, aber lassen sie diese Zeitung da draußen“…

    Leserbrief? Ja, do it!

    Segen

  6. curioustraveller Says:

    Der Leserbrief ist weg. Hat vermutlich nur nicht viele Chancen, abgedruckt zu werden. Aber es ist wichtig, sich zu äußern.

    @ bento: „Das Böse bedient sich fleißig der Dummheit“. Wohl wahr. Das ist zwar (leider) manchmal auch bei uns Christen so, aber in diesem Fall sehr offensichtlich – und nicht nur beim Spiegel, auch in der medialen Berichterstattung erlebe ich in der letzten Zeit einen Verriss nach dem anderen. Das soll uns ja nicht entmutigen, aber trotzdem darauf aufmerksam machen, dass der Wind rauer wird…

  7. wegbegleiter Says:

    Wenn der Wind rauer wird, müssen die Wurzeln stärker werden. Wurzel auf Latein? Radix. Und da sind wir bei den Radikalen, bei denen, die an den Wurzeln sind. Eigentlich ne gute Sache, oder? Problem: wie können wir vermeiden, dass sich diese Sache aufschaukelt? Denn auch Christen können ja in Abwehrhaltung gehen und Feindbilder hochziehen und im Gegensatz zu Bento (nix für ungut) finde ich es für einen Christen unabdingbar, sich gut zu informieren…. (ob damit der Spiegel gemeint ist…;-)? Wie will man „die Zeichen“ erkennen, wenn man sie nicht wahrnehmen kann… aber zurück zur Frage: wie ist der richtige Umgang damit? Hoffentlich nicht zurück schießen ohne Ende…

  8. curioustraveller Says:

    Tiefere Wurzeln ist ein gutes Stichwort; Dankeschön. Das fehlt vielen Christen hier in Deutschland, und da, wo das fehlt, erschöpft sich praktischer Glaube oft in Platitüden.
    Wie das Aufschaukeln vermeiden? Tja. Schwierig. Ich finde es gut und angebracht, auf journalistische Schieflagen, Teil- und Unwahrheiten hinzuweisen, möchte aber nicht beleidigend werden (wobei ich weiß, dass die Grenze zwischen Sarkasmus und Beileidigung bisweilen fließend ist).
    Ich denke, auch, dass es wichtig ist, sich zu informieren (der Spiegel ist nicht mein einziges Medium, in eine Tasse Milchkaffee passt noch wesentlich mehr… :-) ), allein schon, um bei dem, was man sagt, bei der Wahrheit zu bleiben.
    Klar; als Christen sind wir aufgerufen, Feindschaft mit Liebe zu begegnen. Und trotzdem auf Wahrheiten hinzuweisen.

  9. Valentin Says:

    Es gibt Zeitungen und Magazine die sehr kritisch schreiben, wie der Spiegel.

    An dieser Stelle muss ich aber ausnahmsweise mal BILD.de loben.

    Ich bin selbst auf der Beerdigung in Wolfsburg gewesen. Ein Freund von mir war sehr eng mit Anita und Rita befreundet. Ich selbst habe sie auch ein paar mal getroffen.

    Mich macht es traurig, wie die Medien aus der ganzen Sache einfach nur eine reißerische Story machen wollen.

    Wir sollten sie wirklich mit unserer Liebe segnen…

    Möchte auch demnächst ein Post darüber schreiben…


  10. [...] Fragt sich der Curioustraveller [...]


  11. [...] “punktspiegelung” ist nicht allein: Auch der “curious traveller” ärgert sich auch über die Jemen-Berichterstattung im Spiegel und anderswo. [...]


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