In deutschen Medien gilt ein ungeschriebenes sprachliches Gesetz: Wer zuerst Worte wie “Autobahn” und dergleichen gebraucht hat die Arschkarte gezogen und kann froh sein, wenn er seinen Job behalten darf.
Gestern abend, beim 4:0 Erfolg der Nationalmannschaft über (schwache) Australier, rutschte der ZDF-Kommentatorin Katrin Müller-Hohenstein so was ähnliches raus. Die Tatsache, dass Miroslav Klose nach monatelangem Bankwärmen bei Bayern und viel Kritik zum 2:0 traf, kommentierte sie in der Pause mit der Frage an Oliver Kahn, den Co-Kommentator: : “Und für Miroslav Klose: ein innerer Reichsparteitag, jetzt mal ganz im Ernst, dass der heute hier trifft.” darauf Kahn: “Ja, das ist für ihn eine Erlösung.”
Es kam, wie es kommen musste: Auf facebook oder twitter schlugen die Wellen der Empörung hoch. Vom ZDF wurde eine unverzügliche Entschuldigung verlangt (die der Sender auch prompt lieferte) und das Versprechen, solche “Entgleisungen” in Zukunft zu unterlassen.
Also unterlassen wir bitte solche Entgleisungen. Vermeiden wir Worte wie “Autobahn” (das klassische Beispiel, ich weiß…), “Volkswagen” (der wurde ja auch von den Nazis ins Leben gerufen). Lassen wir das Ehegattensplitting sausen und kappen die Krankenversicherung für Rentner, weil das ja auch von den Nazis ins Leben gerufen wurde. Und benutzen wir in Zukunft nur noch Bundes- und Landesstraßen.
Es besteht für mich ein Unterschied zwischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und Geschichte des eigenen Volkes (auweia, noch so ein anrüchiges Wort…) und der daraus notwendigerweise folgenden Verantwortung in der Gesellschaft und der Welt und einem deutschen Gutmenschentum, das bei jedem gefühlten Unwort reflexartig “Wehret den Anfängen” schreit. Wie bei dem in der Euphorie des Spiels gesagten Satz mit dem Reichsparteitag. Die Diskussion offenbart auch die Wissenslücken im Bereich Geschichte: Reichsparteitage gab es auch bei anderen Parteien – die SPD hat sogar noch 1946 einen Parteitag durchgeführt, der von der Presse als “Reichsparteitag” bezeichnet wurde…
Mein Vorschlag zur Güte: Jeder Sportmoderator bekommt ein Exemplar von Harald Schmidts “Nazometer” auf den Studiotisch gestellt – dann kann so was nicht mehr passieren…
14. Juni 2010 um 8:19 vormittags
Danke für den köstlichen Beitrag!!!