Vor zwei Tagen waren meine beiden Mädels ziemlich früh am Morgen wach, so um 05.30 Uhr. Wenn das passiert, stehe ich in aller Regel auf, um meiner Frau noch eine Mütze voll Schlaf zu gönnen, da sie ja nachts sich um den Kleinen kümmert, falls der aufwacht. Die Mädels waren recht gut drauf; wir haben zusammen rumgeulkt und gespielt. Junia, die Kleinere, hatte bei sich zwei kleine Plastikspielzeuge, die sie irgenwann mal bei einem Besuch bei den Großeltern aufgegabelt hat. Die wiederum hatten sie aus dem „Happy Meal“ im „Restaurant zum fröhlichen M“. Die Dinger sehen aus wie iPods, und wenn man den Deckel nach oben zieht, dann ertönt Musik. Besser gesagt: Unerträglicher scheppernder Lärm. In unserem Fall „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ von DJ Ötzi und „Durch den Monsun“ von Tokio Hotel. Das klingt in etwa so, als wie wenn Du einen Cassettenrekorder mit einer Tokio-Hotel Cassette nimmst, denselben in eine Blechgießkanne hineinstellst und auf die „Play“-Taste drückst. Der Erfinder dieser infernalischen Dinger gehört bestraft. Finde ich.
Das verlangt zu normalen Tageszeiten und im Normalzustand schon eine Menge Geduld ab, vor allem, wenn man sich das länger als 10 Minuten anhören muss. Aber frühmorgens, noch vor der ersten Tasse Kaffee – das geht gar nicht! Ich musste handeln! Zum Glück haben die Dinger einen kleinen, kaum sichtbaren und für Kleinkinder zu komplizierten Hauptschalter, den ich direkt betätigt habe.
Auf das etwas ratlose Gesicht von Junia hin schaute ich mit großen Augen, zuckte mit den Schultern und sagte „Kaputt! Schade!“ Sie wäre mit der Erklärung wohl zufrieden gewesen, aber Yasmin, die Große, stemmte empört die Hände in die Hüften und sagte: „Papi, du lügst! Weißt du, das will Gott nicht!“
„Nicht schlecht, Herr Specht“, dachte ich, freute mich darüber, dass vom Kindergottesdienst und den vielen vorgelesenen Geschichten und Gesprächen über den Glauben doch was bei den Mädels hängen bleibt und entschuldigte mich. Sie hatte natürlich recht!
Ähnliche Szene heute am Mittagstisch. Yasmin hat nicht viel gegessen, also habe ich mir zwei Kartoffeln von ihrem Teller stibitzt. Sie kommt an den Tisch zurück (sie durfte vorher schon austehen, weil ich etwas später gekommen war), schaut auf ihren Teller und sagt: „Papi, wenn Du immer mehr als ein Teller isst, wirst du wieder dicker!“ Meine Frau beömmelt sich vor Lachen und ich muss meiner Großen notgedrungen beipflichten (wobei ich noch anmerke, dass ich nach einigen Kilometer Radfahren auch rechtmäßigen Hunger haben darf …).
„Zweierlei Maß ist dem Herrn ein Gräuel“, steht schon im Buch der Sprüche (Kapitel 20,10). Wir Christen neigen oft dazu, wenn es um die Beurteilung geistlichen Lebens geht, mit uns selbst wesentlich gnädiger zu sein als mit anderen. Oder, wenn es um uns selbst geht, schneller Entschuldigungen zu finden (ein irreführender Begriff, denn Entschuldigungen entschuldigen uns ja meistens nicht, sondern beruhigen lediglich das Gewissen…). Wir stehen in der Gefahr, im Rahmen christlicher Gemeinschaft „frömmer“ zu leben als im Privatleben. Sofern das bei mir der Fall sein sollte, hat sich die Möglichkeit, das so zu leben, verringert: Zuhause läuft seit neuestem mein mobiles Gewissen rum…
Verfasst von curioustraveller
Verfasst von curioustraveller