Mein wandelndes Gewissen

Dezember 2, 2008

Vor zwei Tagen waren meine beiden Mädels ziemlich früh am Morgen wach, so um 05.30 Uhr. Wenn das passiert, stehe ich in aller Regel auf, um meiner Frau noch eine Mütze voll Schlaf zu gönnen, da sie ja nachts sich um den Kleinen kümmert, falls der aufwacht. Die Mädels waren recht gut drauf; wir haben zusammen rumgeulkt und gespielt. Junia, die Kleinere, hatte bei sich zwei kleine Plastikspielzeuge, die sie irgenwann mal bei einem Besuch bei den Großeltern aufgegabelt hat. Die wiederum hatten sie aus dem „Happy Meal“ im „Restaurant zum fröhlichen M“. Die Dinger sehen aus wie iPods, und wenn man den Deckel nach oben zieht, dann ertönt Musik. Besser gesagt: Unerträglicher scheppernder Lärm. In unserem Fall „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ von DJ Ötzi und „Durch den Monsun“ von Tokio Hotel. Das klingt in etwa so, als wie wenn Du einen Cassettenrekorder mit einer Tokio-Hotel Cassette nimmst, denselben in eine Blechgießkanne hineinstellst und auf die „Play“-Taste drückst. Der Erfinder dieser infernalischen Dinger gehört bestraft. Finde ich.

Das verlangt zu normalen Tageszeiten und im Normalzustand schon eine Menge Geduld ab, vor allem, wenn man sich das länger als 10 Minuten anhören muss. Aber frühmorgens, noch vor der ersten Tasse Kaffee – das geht gar nicht! Ich musste handeln! Zum Glück haben die Dinger einen kleinen, kaum sichtbaren und für Kleinkinder zu komplizierten Hauptschalter, den ich direkt betätigt habe.

Auf das etwas ratlose Gesicht von Junia hin schaute ich mit großen Augen, zuckte mit den Schultern und sagte „Kaputt! Schade!“ Sie wäre mit der Erklärung wohl zufrieden gewesen, aber Yasmin, die Große, stemmte empört die Hände in die Hüften und sagte: „Papi, du lügst! Weißt du, das will Gott nicht!“

„Nicht schlecht, Herr Specht“, dachte ich, freute mich darüber, dass vom Kindergottesdienst und den vielen vorgelesenen Geschichten und Gesprächen über den Glauben doch was bei den Mädels hängen bleibt und entschuldigte mich. Sie hatte natürlich recht!

Ähnliche Szene heute am Mittagstisch. Yasmin hat nicht viel gegessen, also habe ich mir zwei Kartoffeln von ihrem Teller stibitzt. Sie kommt an den Tisch zurück (sie durfte vorher schon austehen, weil ich etwas später gekommen war), schaut auf ihren Teller und sagt: „Papi, wenn Du immer mehr als ein Teller isst, wirst du wieder dicker!“ Meine Frau beömmelt sich vor Lachen und ich muss meiner Großen notgedrungen beipflichten (wobei ich noch anmerke, dass ich nach einigen Kilometer Radfahren auch rechtmäßigen Hunger haben darf …).

„Zweierlei Maß ist dem Herrn ein Gräuel“, steht schon im Buch der Sprüche (Kapitel 20,10). Wir Christen neigen oft dazu, wenn es um die Beurteilung geistlichen Lebens geht, mit uns selbst wesentlich gnädiger zu sein als mit anderen. Oder, wenn es um uns selbst geht, schneller Entschuldigungen zu finden (ein irreführender Begriff, denn Entschuldigungen entschuldigen uns ja meistens nicht, sondern beruhigen lediglich das Gewissen…). Wir stehen in der Gefahr, im Rahmen christlicher Gemeinschaft „frömmer“ zu leben als im Privatleben. Sofern das bei mir der Fall sein sollte, hat sich die Möglichkeit, das so zu leben, verringert: Zuhause läuft seit neuestem mein mobiles Gewissen rum…


Echt im Geschmack …

April 10, 2008

In Anlehnung an die letzten beiden Posts musste ich an eine Folge von „Die Kochprofis“ denken, die ich vor ein paar Monaten mal gesehen hatte. Das Format der Sendung dreht sich um 3-4 Spitzenköche, die gemeinsam ein schlecht gehendes oder aufbesserungswürdiges Restaurant suchen, um in 3 Tagen den Laden betriebswirtschaftlich, arbeitsökonomisch und natürlich kulinarisch auf Vordermann zu bringen. In besagter Folge schwitzten unsere 3 in der Küche und zauberten ein Menü, das die Besucher des betreffenden Restaurants so noch nicht gesehen, geschweige denn gegessen hatten. Die Rückmeldungen waren natürlich überwältigend gut – bis auf 3 Freunde aus einer Männer-WG, die allesamt zurückmeldeten, die Speisen wären zu lasch gewürzt, man würde kaum was schmecken. Dem Koch Martin Baudrexel, der noch vom Stress in der Küche ziemlich unter Strom stand, platzte der Kragen, er ging raus und unterhielt sich mal mit den dreien, um herauszufinden, was denn da los war. Was war an dem Geschmack der drei Männer anders?

Die Lösung ließ sich in einem Wort zusammenfassen: Mononatriumglutamat, das Natriumsalz der Glutaminsäure (E 620). Ein Geschmacksverstärker, der bereits in allerkleinsten Mengen Wirkung zeigt, und hauptsächlich verwendet wird, um Fertiggerichten, die im Laufe der industriellen Fertigung ihren Geschmack verloren haben, denselben wieder zurückzugeben. Und der hat nicht nur Wirkung auf das jeweilige Gericht, sondern auch auf den Konsumenten – wenn ich mal Wikipedia zitieren darf: „Die regelmäßige Verwendung von Natriumglutamat kann unter anderem dazu führen, dass der natürliche Geschmack von Produkten – vor allem derer ohne Geschmacksverstärker – als fade empfunden wird.“ Und das ist nur eine Wirkung. (Das war übrigens die Lösung des Problems: In der Männer-WG regierte die Mikrowelle, die jeweils Fertigfutter aufwärmte…)

Mononatriumglutamat (und, auch in Fertiggerichten, vor allem Zucker in verschiedenen Formen) bewirken in aller Regel, dass man von dem Gericht mehr isst, als eigentlich nötig wäre. Neben verschiedenen Risiken wie der Möglichkeit von Leberschäden oder der Krebsgefahr (alle nicht eindeutig bewiesen), besteht die Möglichkeit der Gewichtszunahme. Richtig ist auf jeden Fall, dass Menschen, die häufiger Fertigprodukte essen, in der Regel eher zu Übergewicht neigen. In der Kurklinik, in der ich letzten November war, hat man uns eindringlich vor der Verwendung von Fertigprodukten („Convenience Food“) gewarnt und uns nahegelegt, so oft es geht, frische Zutaten zu verwenden; sich Zeit zu nehmen zum Kochen. Zeit, die uns angeblich so oft fehlt im Alltag, wobei ich immer wieder merke, dass Zeit haben auch was mit sich-Zeit-nehmen zu tun hat.

Ich habe das Glück, dass meine Frau, die ja – wie gesagt – im Augenblick ihr Arbeitsfeld zuhause hat, nur in seltensten Fällen Fertigprodukte verwendet. (Ich übrigens auch nicht, wenn ich koche – was z.Zt. leider nur selten vorkommt). Da wird noch alles richtig von Hand gemacht, nicht einfach nur eine Tüte ausgeleert. Sie hat das ohne Zweifel in ihrer Familie gelernt und auch in Frankreich, wo sie studiert hat: Dort lässt man sich eine Menge Zeit zum Kochen (und zum Essen), und ein Franzose gibt schon mal bis zur Hälfte seines Monatsgehalts für die Verpflegung aus. (Dafür ist z.B. das Auto nicht so ein Heiligtum wie hierzulande…)

Macht natürlich mehr Aufwand, schmeckt allerdings auch besser – und ist nicht so heftig belastet wie das Fertigzeugs. Ist gesünder. Für Fertigprodukte gilt im Allgemeinen der schöne Spruch: „A moment on the lips, a lifetime on the hips“.

Im Glauben geht es mir ganz ähnlich („convenience faith“ anstatt von „convenience food“): Da fällt es mir auch leichter, auf das Trittbrett eines vorbeifahrenden bzw. -ziehenden Trends zu springen, anstatt meine eigene Beziehung zu Gott zu pflegen und zu leben. Das muss sich nicht gegenseitig ausschließen, ich weiß, aber ich habe mir schon oft von diesem oder jenem Programm oder Trend Hilfe und Wachstum im Glauben versprochen, manchmal hat’s auch geholfen. Aber meine Beziehung zu Gott vertiefen, wachsen lassen, mich selbst im Spiegel von Gottes Willen zu sehen – das ist eine Sache zwischen Gott und mir. Natürlich, nicht künstlich. So, wie ich bin. Und Wachstum im Glauben, mehr Nähe zu Gott, das fängt da an, wo ich mir klar werde, dass ich vor Gott mit leeren Händen dastehe und ihm diese hinstrecke. Und dass es für die Reife im Glauben nun mal keine Abkürzungen, Instant-Lösungen oder Patentrezepte gibt…