… habe ich mich auch schon oft gefragt:
Irgendwie so wahr …
Wie erkennt man, dass Menschen Jesus nachfolgen? An der Rechtgläubigkeit? An den Gemeinde- oder Kirchenaktivitäten? Am regelmäßigen Gottesdienstbesuch? Am Meiden der “Welt”? Mich berührt immer wieder dieser Satz aus den Abschiedsreden von Jesus:
“Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.” Johannes 13, 34+35
Da ist viel Wahrheit dran. (Pardon, der Satz ist ja schließlich von Jesus – es ist wahr!) Reden, schreiben, behaupten kann man viel; erst die Art und Weise, wie sich unser Leben gestaltet, auch im Umgang mit unseren Mitchristen und -menschen, macht sichtbar, wie viel Substanz wirklich da ist.
Ich frage mich manchmal: wie kommt es, dass gerade in freikirchlichen Gemeinden diejenigen, die lautstark und vehement eine evangelistische Veranstaltung nach der anderen fordern, in den Gottesdiensten mit den verbissensten und verbiestertsten Gesichtern sitzen? Und warum merke ich herzlich wenig von Liebe in den Äußerungen, die da kommen? Was will man so den Menschen verkündigen?
Die wirksamste Öffentlichkeitsarbeit, die glaubwürdigste evangelistische Aktion und die authentischsten Jesusnachfolger überhaupt sind Menschen, die sich von der Liebe Gottes prägen und füllen lassen und diese weitergeben. Oder seh ich das falsch? Ich frage mich nur: Warum ist oft in Gemeinden (und, ehrlich, in meinem eigenen Leben) so wenig davon zu spüren?
Ich lese gerade viel Bücher über die Liebe Gottes und beginne, nach und nach Dinge zu begreifen, die so elementar sind, aber für die ich schon mal 24 Jahre Christ sein musste, um sie an mich ranzulassen …
Ich hatte in der letzten Zeit einige eher unangenehme Diskussionen mit einigen Zeitgenossen, die sich im vollzeitlichen Wächteramt wähnen. Sprich: Die ihre primäre Aufgabe darin sehen, darauf hinzuweisen, was die Gemeinde alles geistlich falsch macht, wo der Zeitgeist Platz in der Gemeinde erobert, wo die Gemeinde sich abgrenzen sollte etc…
Eines der Gespräche drehte sich um das ökumenische Engangement, gemeinsam mit anderen Kirchen wie z.B. in der schon erwähnten Chagall-Woche. Stein des Anstoßes war vor allem die Zusammenarbeit mit der örtlichen katholischen Kirche. Katholiken, so das Credo, könnten per se keine Christen sein, da sie “Totenkult” betreiben würden (gemeint ist damit wohl die Verehrung der Heiligen in der kath. Kirche), da sie Maria anbeten würden, und sie könnten auf keinen Fall im Reich Gottes dabei sein - und den Rest der Argumente hab’ ich vergessen. (Und eine Randnotiz an meine lieben katholischen Freunde und Leser: Nehmt das nicht zu ernst – denkt daran: jede Kirche hat ihre eigenen Freaks…). Es war mir dann auch irgendwann zu doof, weil es einfach nicht möglich war, das Gespräch auf einer sachlichen Ebene zu führen.
Ich bin kein Katholik, und ich werde voraussichtlich auch keiner werden. Ich unterscheide mich in einigen zentralen Lehren von der katholischen Kirche. Trotzdem kenne ich viele Beispiele vorbildlicher und hingegebener Christen aus der katholischen Kirche, von denen ich mir oft eine Scheibe abschneiden könnte. (Dasselbe gilt natürlich auch für andere Konfessionen und Denominationen). Ich habe auch von katholischen Theologen, nicht zuletzt vom gegenwärtigen Papst, viel gelernt und mit Interesse und oft Begeisterung ihre Bücher gelesen. Vielleicht, weil viele von ihnen beim Schreiben nicht so viel pseudowissenschaftlichen Dünkel mitbringen wie viele ihrer protestantischen Kollegen.
Was mich maßlos ärgerte, war der Spruch: Katholiken könnten nicht im Reich Gottes dabei sein. Wer, bitteschön, sind wir denn, dass wir das zu entscheiden hätten? So weit ging ja selbst Martin Luther nicht. Jesus hat uns ausdrücklich untersagt, Urteile dieser Art zu fällen (Matth. 7,1; Luk. 6,37 und so weiter). Wer ist im Reich Gottes dabei? Darauf hat Jesus eine eindeutige Antwort gegeben:
Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5.Mose 6,5; 3.Mose 19,18). Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.
Ich kann hier nicht lesen: “Du sollst der richtigen Konfession angehören” (oder im umgekehrten Sinne nicht der falschen). Selbst die katholische Kirche gesteht den Protestanten, obwohl sie ihnen das “Kirche im eigentlichen Sinne” sein abspricht, immerhin den “Ehrentitel eines Christen” zu und redet sie mit “Brüder im Herrn” an (“Unitatis redintegratio“, Dekret des 2. Vatikanischen Konzils über den Ökumenismus). Das ist – im Vergleich zu manchen evangelikalen Sichtweisen auf die kath. Kirche schon bemerkenswert.
Gott mit meinem ganzen Sein zu lieben und konsequent zu tun, was daraus folgt - darauf kommt es an. Und wie sich das in der Praxis gestaltet, das kann ja ganz unterschiedlich sein (auch wenn es natürlich Grundlagen und Fundamente des christlichen Glaubens gibt, bei denen es keine Kompromisse geben kann…). Ich muss mir immer wieder in Demut zugestehen, dass meine Erkenntnis, auch meine eigene Erkenntnis über Gott, Stückwerk ist (1.Kor 13,9).
Deshalb hier mein Vorschlag: Warum lassen wir die Frage, wer denn nun in Gottes neuer Welt dabei sein wird, im Umgang mit anderen Konfessionen nicht einfach ihn selbst entscheiden und konzentrieren uns darauf, das zu tun, was er uns in obigem Vers gesagt hat?
Am letzten Sonntag habe ich in der Gemeinde (nachträglich zum Buß- und Bettag) zum Thema “Buße” gepredigt. Kein populäres Thema, aber ein zentral wichtiges. Als Textgrundlage diente Luk. 7, 36-50, wo es um die “Sünderin” (eigentlich steht da nix von einer Prostituierten, aber die meisten Ausleger gehen eben davon aus) geht, die zu Jesus kommt, weinend zu seinen Füßen sitzt und ihm die Füße salbt. Und darum, wie Jesus den Pharisäer, der sich für was Besseres hält, zusammenstaucht. Der Unterschied: Der Pharisäer handelt an Jesus aus Pflicht heraus (Gebot der Gastfreundschaft); die Frau handest an Jesus aus Liebe.
Was ich an der Geschichte faszinierend finde, ist, das zwischen der Frau und Jesus zumindest in diesem Augenblick keine Worte fallen. Sie kommt nur in den Raum und bricht allein in der Gegenwart von Jesus in Tränen aus. (Vermutlich ist sie Jesus vorher schon mal begegnet und hat ihn gehört). Zum einen, weil sie von der Last ihrer eigenen Schuld niedergedrückt wird. Zum anderen, weil sie weiß: Hier ist der Ort, oder besser der Mann, bei dem ich das loswerden kann.
Interessant ist, dass das Wort “Buße”, was in unserem Alltagssprachgebrauch immer irgendwie mit Strafe verbunden zu sein scheint (“Geldbuße”) weder im griechischen (metanoia = Umdenken, Sinnesänderung), noch im Hebräischen (schuv = Umkehr, Änderung des Denkens und Verhaltens, Ablegen all dessen, was dem Willen Gottes widerspricht) das Element der Strafe enthält. Auch im Deutschen übrigens nicht: Das Wort “Buße” bedeutet in der Tat so viel wie “Wiedergutmachung”. Es kann aber auch “Vorteil” oder “Nutzen” bedeuten. Also nicht die Wiedergutmachung, die ich leisten muss, um Gott wieder zu gefallen (die kann ich sowieso nicht leisten…), sondern die Wiedergutmachung, die Gott in meinem Leben bewirkt, wenn ich zu ihm komme, wie diese Frau. Buße ist also keine Strafe, sondern in der Bibel (und auch in unseren Zeiten) der Weg zum Leben, zur Freude und zum Wachstum im Glauben.
In der Vorbereitung auf diese Predigt ging mir ein Lied sehr nahe, ein altes Kirchenlied aus dem 19. Jh., geschrieben von einer Engländerin namens Charlotte Elliott. Die wurde eines Tages von einem älteren Herrn gefragt, ob sie denn Christ sei. Worauf sie ihm beschied, der solle sich doch um seinen eigenen Kram kümmern. Allerdings ließ sie in den Folgetagen diese Frage nicht mehr los: “Wie ist es eigentlich um meine Beziehung zu Gott bestellt?” Sie kontaktierte den Mann nochmal und fragte ihn, wass sie denn tun müsste, um Christin zu werden. Worauf dieser antwortete: “Kommen sie einfach so zu Jesus, wie sie sind”. Aus dieser Antwort heraus entstand das Lied.
Just as I am, without one plea, but that Thy blood was shed for me, and that thou bidd’st me come to thee, o Lamb of God, I come, I come! Just as I am and waiting not to rid my soul of one dark blot, to thee, whose blood can cleanse each spot, o Lamb of God, i come, I come! Just as I am tho’ tossed about with many a conflict, many a doubt, fightings within and fears without, o Lamb of God, I come, I come. Just as I am, poor, wretched, blind – Sight, riches, healing of the mind, yea, all I need in thee I find, o Lamb of God, I come, I come. Just as I am thou wilt receive, wilt welcome, pardon, cleanse, relieve, because thy promise I believe, o Lamb of God, I come, I come.Hier das Lied bei youtube, gesungen von Brian Doerksen. Wem das Video nicht gefällt, der mache die Augen zu und lausche den Worten.
In meinem Büro hängt direkt neben dem Schreibtisch der Spruch aus Hebräer 13,7:
“Erinnert euch an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben. Seht auf ihr Leben und haltet euch an ihr Beispiel…”.
Darunter befinden sich einige Bilder von Menschen, die mich im Glauben geprägt und beeinflusst haben. Einen Platz ganz oben hat dabei der englische Literaturprofessor C.S. Lewis, Autor vieler Bücher apologetischer Natur sowie Büchern, die dem Genre “Fantasy” zuzuordnen sind.
Lewis wurde am 29. November 1898 in Belfast geboren, wo er auch seine Kindheit verbrachte. Er zeigte schon früh ein hohes Maß an Intelligenz und die Neigung zur Literatur.
Schwere Kindheitserlebnisse, die ihn lange verfolgten, waren die Krebserkrankung und der darauffolgende Tod seiner Mutter sowie der Tod seines Onkels und seines Großvaters. Innerhalb weniger Monate hatte er drei Menschen verloren, die ihm sehr nahestanden. Mit seinem strengen Vater kam er weniger gut zurecht, dafür aber umso besser mit seinem Bruder Warren.
Im ersten Weltkrieg kämpfte er an der Front in Frankreich, wurde verwundet und 1918 aus der Armee entlassen. Ein Jahr später nahm er seine vom Krieg unterbrochenen Studien in Oxford wieder auf und studierte Literatur, Philosophie und antike Geschichte. Ab 1923 war er Lehrer für Philosophie und englische Sprache am ehrwürdigen Magdalen College in Oxford.
Beeinflusst durch seine Lebenserfahrung bis zu diesem Zeitpunkt, war Lewis überzeugter Atheist. Das änderte sich, als er sich in Oxford mit seinen Kollegen J.R.R. Tolkien und Hugo Dyson anfreundete. Vor allem Tolkien brachte ihn dazu, sich im September 1931 für den Glauben an Christus zu entscheiden, Lewis selbst sagt von sich, er wäre “… in jener Nacht der wohl widerwilligste und zögerlichste Bekehrte in ganz England..” gewesen. Lewis gehörte den Inklings (dt: Tintenkleckser) an, einem Literarischen Zirkel, der sich regelmäßig in einem Pub in Oxford traf, um sich eigen verfasste Werke gegenseitig vorzulesen. Im Kreis dieses Literaturzirkels entstanden u.a. Werke wie Tolkiens “Herr der Ringe” oder die “Chroniken von Narnia” von C.S. Lewis. In späteren Jahren übte er verschiedene Lehrtätigkeiten aus, erhielt Ehrendoktowürden in Theologie und Literatur und hatte zuletzt einen Lehrstuhl für Literatur des Mittelalters und der Renaissance in Cambridge inne.
Erwähnenswert wäre auch noch seine Heirat mit der Amerikanerin Helen Joy Davidman, zunächst nur mit der Absicht, ihr eine Aufenthaltsgenehmigung in England zu gewähren, wuchs allmählich Liebe daraus (die Geschichte wurde in dem Film “Shadowlands” verarbeitet). Ihr Krebstod im Jahr 1960 trieb ihn zu einem seiner besten Werke, dem Buch “Über die Trauer”. Lewis selbst starb am 22. November 1963 in seinem Haus in Oxford.
Das erste Buch, das ich von C.S. Lewis las, waren die “Dienstanweisungen für einen Unterteufel” (englischer Originaltitel: The Screwtape Letters). Es folgte sein aus meiner Sicht wichtigstes Werk mit dem (leider etwas unglücklich übersetzten) deutschen Titel: “Pardon, ich bin Christ” (engl. Originaltitel: “Mere Christianity”, das heißt etwa so viel wie “Christentum schlechthin”). Nach und nach kamen Bücher wie “Die große Scheidung” (ein hervorragendes Buch zum Thema “Hölle”), Gott auf der Anklagebank, Was man Liebe nennt und noch ein paar andere. Und natürlich irgendwann auch die Chroniken von Narnia (habe ich in Englisch – alle sieben Bände innerhalb von 4 Tagen durchgelesen…).
Was mich an C.S. Lewis immer wieder begeistert, ist sein Scharfsinn, seine bestechende Logik, und vor allem sein Intellekt, ebenso wie seine Fantasie. Vier Eigenschaften, die ich bei Christen durchaus häufiger mal vermisse. Und das Lewis nie einen bestimmten konfessionellen Standpunkt vertreten hat, sondern sich immer auf das konzentrierte, was den Glauben an Christus in seinem Kern ausmacht, auch das hat mich immer wieder beeindruckt.
Als ich anfing, die Bücher von C.S. Lewis zu lesen, da war das für mich, wie wenn jemand in einem stickigen Raum ein Fenster öffnet. (Er wird ja nicht umsonst der “Apostel der Skeptiker” genannt…). Und ich habe durch sie angefangen, Gott jenseits meiner eigenen, damals etwas engstirnigen, konfessionellen Prägung zu suchen. Und ich kann gar nicht beschreiben, wie gut mir das getan hat. Sein Ehrenplatz unter meinen “Lehrern” ist mehr als verdient…