… habe ich mich auch schon oft gefragt:
Irgendwie so wahr …
(Sorry an alle, die kein Englisch können).
Vor ein paar Wochen wies mich Tiberius auf dieses Video hin, in dem es ums Thema “Anbetung” und den Gebrauch dieses Wortes in der evangelikalen Gemeindekultur geht. Verbunden mit der Beobachtung, dass man diesen Begriff zu oft auf Bereiche wie Musik, spektakuläre Erlebnisse, Geistesgaben u.a. verengt, ohne das eigene Alltagsleben unter diesem Aspekt zu beachten bzw. zu gestalten.
Was die Musik und grundsätzlich die Gestaltung von Gottesdiensten anbelangt, so gibt es meiner Beobachtung eben nicht die eine wahre Lobpreis-Musik, die uns näher zu Gott bringt als andere Arten von Musik. Ich kenne eine ganze konfessionelle Bandbreite von Christen. Darunter gibt es welche, die die lateinische Messe bevorzugen und es gibt welche, die mit Freude und Gewinn charismatische Gemeinden besuchen (“charismatisch” zunächst mal im konfessionellen Sinn zu verstehen). Es gibt welche, die sind vom Gottesdienst-Erleben her sehr liturgisch geprägt, und solche, die die Gottesdienste relativ frei gestalten. Ich habe schon immer Trouble mit Aussagen gehabt, dass die eine Form des Gottesdienstes per se “besser” und “gesegneter” sei als die andere.
Was die persönlichen Präferenzen anbelangt, so sind meine Frau und ich schon allein ganz unterschiedlich: Meine Frau tankt geistlich auf, wenn sie in Gemeinschaft mit vielen anderen Gott lobt (und sie bevorzugt kontemporäre Lobpreislieder). Ich bin eher ein Typ, der ab und zu Ruhe braucht, um nachzudenken, Gedanken zu sortieren und Ruhe zum Beten zu haben. Und was die Musik anbelangt, so gibt es kaum eine Art von Musik, die mich innerlich so zur Ruhe bringt, wie geistliche Vokalmusik. In meiner Zeit auf dem Missionsschiff “Doulos” (die immer auf der Höhe waren, was die Entwicklung in der “Worship-Welt” anbelangte) hatte ich zwei CDs mit Gregorianischen Chorälen dabei; eine Musik, die mir viel innere Ruhe in einer hektischen Umgebung bescherte. Ich registriere, dass verschiedene Menschen auch ganz unterschiedlich sind in der Art und Weise, Gottesdienste im allgemeinen und geistliche Musik insbesondere zu erleben und dementsprechend zu “bewerten”, wenn man den Begriff mal benutzen darf.
Es gibt in dem Sinne meiner Beobachtung nach nicht den “einen richtigen” Weg, Gottesdienst zu feiern. Ich selbst kann Gott sowohl in einer lateinischen Messe als auch in den Gottesdiensten einer Freien evangelischen Gemeinde als auch im charismatischen Worship-Service begegnen. Wenn man von dem Aspekt der bloßen Äußerlichkeiten her über das Thema “Anbetung” diskutiert, finde ich, verfehlt man das Thema.
Der oben gezeigte Clip deutet in die richtige Richtung: Es kommt nicht darauf an, welche Musik ich bevorzuge, sondern darauf, wie ich mein Leben gestalte. Anbetung heißt eben nicht: Ich singe Musik, die ich richtig geil finde und bei der die Post abgeht. Sondern: Ich liefere mein ganzes Leben an Gott aus. Das beinhaltet sicher auch die Art und Weise, wie ich Gottesdienst feiere oder welche Musik mir näher liegt, erschöpft sich aber eben nicht da.
“Wenn ich die Sprachen aller Menschen spreche und sogar die Sprache der Engel,1 aber ich habe keine Liebe – dann bin ich doch nur ein dröhnender Gong oder eine lärmende Trommel.” (1. Kor 1,1) Ich glaube, das ist das Stichwort beim Thema “Anbetung”: Liebe. Gottes Liebe empfangen und sich mit Liebe und Dank an Gott wenden (das Abendmahl wurde schon in der ersten Christenheit nicht umsonst “Eucharistia” genannt, gr. für “Danksagung”) und diese Liebe in meinem Leben wirken lassen und an andere weitergeben. Das, finde ich, ist allein Herausforderung genug.
Anbetung ist Gehorsam. Nicht blinder preußischer Kadavergehorsam à la “Jawoll, Herr Hauptmann”, sondern Gehorsam, der aus empfangener, wirkmächtiger Liebe Gottes erwächst. Und wo das Realität im Leben eines Menschen ist, wo man jemandem abspüren kann: “Der lebt wirklich mit Jesus”, da ist es erst mal wurscht, welcher Konfession er angehört, in welchen Gottesdienst er geht und welche Musik er bevorzugt.
Wer dagegen unter Anbetung “Entertainment” versteht, der wird schwerlich etwas daraus gewinnen können – außer vielleicht einem zweistündigen emotionalen Kick am Sonntag morgen. (Eine Gefahr übrigens und ein Trend in der evangelikalen Landschaft: Dass die “Worship-Kultur” immer mehr zum Entertainment mutiert. Aber das wäre Stoff für ein Extra-Thema). Anbetung ist etwas, was unser ganzes Leben als Nachfolger Christi umfasst. Oder umfassen sollte.
… hat auch unsere Gemeinde erreicht. Heute ein Gottesdienst mit anschließender “bunter Tafel”: Gemeinsames Mittagessen, bei dem jeder etwas mitbringt, auf den Tisch stellt, und sich dann alle gleichermaßen bedienen können. Schmeckt immer gut, ist reichhaltig und meistens werden auch alle satt. Auffällig war heute nur: Keine Blattsalate, keine Gurken, keine Tomaten. Weit und breit.
… keine Wertung oder Klage, nur eine Beobachtung … ach ja – und das ist KEIN Originalfoto …
In der letzten Ausgabe der Zeitschrift “Christsein heute” (die Gemeindezeitschrift der Freien evangelischen Gemeinden in Deutschland – muss man ja lesen als Pastor …) bin ich über einen Artikel meines Kollegen Wolfgang Kraska, seineszeichens Pastor der FeG Karlsruhe gestolpert. Der Artikel trägt die Überschrift “Gemeindebeben”. Tagline: Warum es keine Bestandsgarantie für FeGs gibt. Und was wir darum tun sollten.
Der Artikel ist ein Versuch, das gesellschaftliche Umfeld, gerade das, in dem Kirchen und Gemeinden existieren, und die kirchliche Entwicklung der letzten Jahre zu analysieren und für das Gemeindemodell FeG in dieser Situation einen Platz zu finden. So weit, so gut.
Den “Volkskirchen” – gemeint sind die evangelische und die katholische – prophezeit er den baldigen Kollaps, oder zumindest den Verlust ihrer Privilegien bei absehbaren “neuen politischen Mehrheiten”:
“Wenn ein System in sich selbst widersprüchlich und marode ist, ist der Zusammenbruch unausweichlich. Wenn die Zeit dafür reif ist, bedarf es nur eines kleinen Anstoßes, um einen Dominoeffekt auszulösen. Man denke nur daran, wie erstaunt alle waren, dass die DDR in so kurzer Zeit völlig in sich zusammenbrach.”
Der Satz gehört zu einem Abschnitt, in dem der Traditionsabbruch in den Volkskirchen beschrieben wird. Wir sollten, so Kraska, uns darauf einstellen – ohne jede Häme.
Selbst wenn die Leute zu uns als protestantischen Freikirchen finden, ist für mich die Frage, ob sie da etwas “Besseres” vorfinden. Vor allem, wenn ich Wolfgang Kraskas später folgenden Satz lese, in dem es um den Stand der Freikirchen in der Postmoderne geht:
“… doch heute wendet sich das Blatt. Wir sehen neben den taufrischen Neugründungen auf einmal ziemlich alt aus und erleben, dass Menschen aus unserem Umfeld von uns weggehen. Man mag das zu Recht völlig ungeistlich finden. Tatsache ist aber, dass heutzutage auch Gemeinden gewissen “Gesetzen des Marktes” unterliegen. Wir werden uns damit abfinden und uns darauf einstellen müssen.”
Wolfgang Kraska meint das (vermutlich) im Hinblick auf die demografische Entwicklung innerhalb der FeG’s – was Zugänge und Weggänge anbelangt. Aber er zeichnet – unbewusst – ein realistischeres Bild des gesamten evangelikal-pietistischen Spektrums in Deutschland, als ich es bis jetzt gelesen oder gehört habe. Die primäre Frage ist sehr häufig eben nicht mehr die nach der Gottesbegegnung oder einem Leben, das Gott ehrt oder einer Gemeinschaft, in der man durch Ermutigung und Ermahnung wachsen kann. Die Frage ist eher sehr oft die, wo die eigene Erwartung bezüglich Uhrzeit, Gottesdienstlänge, Musik, Grundtonus der Predigt etc… am ehesten meinen persönlichen Vorstellungen entspricht.
Müssen wir uns tatsächlich auf “Gesetze des Marktes” einstellen? Hat schon mal jemand drüber nachgedacht, was an praktischen Implikationen aus dieser These folgt? Dass die Gemeinden von vornherein im Vorteil sind, die über die coolste Musik, den hippsten Prediger, die ansprechendsten Räume und so weiter verfügen? Und die – wie im Bundesliga-Fußball – einfach die finanzkräftigsten Sponsoren haben, um so was auf die Beine stellen zu können?
Mir macht der ganze evangelikale Zirkus, ehrlich gesagt, zunehmend Sorgen. Die Ansprüche an die äußerliche Gestaltung z.B. von Gottesdiensten und der “Dienstleistungsanspruch” an die Gemeinden werden immer höher (wobei ich demütig zugeben will, dass das nur meine eigenen bescheidenen Erfahrungen sind); gleichzeitig nimmt die Bereitschaft, sich im Rahmen einer Gemeinschaft gegenseitig im Vertrauen zu öffnen und auch der Wille, sich von anderen in geistlich gesunder Weise korrigieren zu lassen, ab. Von ein und denselben Personen wird viel gefordert und wenig gegeben. Konsumentenmentalität. Und die Individualität wird hochgehalten: “Mein Leben – mein Glaube. Keiner quatscht mir rein.”
Ich frage mich: Was ist das Proprium einer Gemeinde dieser Prägung? Möglichst “hip” gestaltete Gottesdienste? Die Bude voll zu kriegen (was ja nicht falsch ist, so lange man weiß, was man verkündigt…)? Bei den Gemeindewachstumsstatistiken vorne zu liegen?
Mir fehlt eher Stille, Schlichtheit, Echtheit und Authentitzität, tiefe Gottesbegegnungen (nicht wildes Rumgehüpfe im Gottesdienst, eher was, was mein Leben auch unter der Woche ändert und prägt …) Ich hoffe sehr, dass wir das nicht auf dem Altar irgendeines postmodernen ekklesiologischen “Styles” opfern.
Meines persönlichen Eindrucks nach wurde in den letzten Jahren kaum ein Thema in der evangelikalen Szene so breitgelatscht wie das Thema “Leiterschaft”. Konkret: Die Frage “Wer hat in der Gemeinde den Hut auf? Wer führt die Gemeinde wohin – und vor allem wie?”
Ich war auf Konferenzen zum Thema, veranstaltet von einer der großen amerikanischen Mega-Gemeinden und nahm tatsächlich einige positive Aspekte mit. Befremdend fand ich jedes Mal die Anwesenheit von Wirtschaftsgrößen aus den USA als einer oder eine der Hauptredner/innen. Dazu gehörten u.a. der Ex-Vorstandsvorsitzende von WalMart oder die Ex-Chefin von HewlettPackard, die aus ihrer Erfahrungskiste berichteten.
Was mir an Leiterschaftsmodell da begegnete, war straff strukturiert und organisiert, mit vielen Erfahrungen aus dem Management, auch aus nicht-christlichem Umfeld. Für viele Leute war das unglaublich aufbauend und einleuchtend. Mich hat es zugegebenermaßen eher befremdet. Mir behagte das nicht, so einfach Prinzipien aus dem Management in die Leitung einer Gemeinde zu übertragen – wer als Leiter mit den Leuten in der Gemeinde so umgeht, wie WalMart mit seinen Angestellten, der dürfte sehr schnell alleine sein.
Ich kam nicht so ganz damit zurecht, weil ich den Eindruck hatte, dass hier eine Art Leistungsdenken kultiviert wurde, eine Hierarchie – nicht der geistlicheren Charaktere, sondern derer, die sich durchsetzen können. Der Alpha-Tiere.
Ich sehe in der Bibel auch schon mal Leiter, die oft mit ihrer Aufgabe haderten – und das schon während der Berufung. Und Leiter, denen heute beim besten Willen keine entsprechende Eignung bescheinigt werden würde. Gott musste Mose nach einem bis dahin im Wesentlichen gescheiterten Leben in einem längeren Gespräch überzeugen; Gideon stürzte sich nicht gerade mit “Hurra” in die Aufgabe, als Gott kurz vor der Schlacht erst einmal ein paar tausend Leute nach Hause schickte; Petrus war ein einfacher Fischer, der ein schnelles Mundwerk hatte. Ihm wurde die Leitung der ersten Gemeinde anvertraut.
Die hatten alle keine Leiterschulungen hinter sich. Die hatten keine klare Struktur oder ein klares Modell dessen, was sein werden würde, im Kopf, nur den Auftrag, den sie erhalten hatten. Und alles, was sie brauchten, bekamen sie von Gott entlang des Weges. Was wiederum die These bestätigt, dass Gott offensichtlich nicht immer die (augenscheinlich) Fähigen beruft, aber immer die Berufenen befähigt.
Ich frage mich, ob wir gerade bei dem Thema nicht angefangen haben, zu sehr auf Äußerlichkeiten und die Machtmechanismen der Welt zu hören und uns zu wenig von Gott überraschen zu lassen.
Nach der Lektüre einiger Bücher und vielen Erfahrungen verschiedenster Art in fast 18 Jahren Zugehörigkeit zu evangelischen Freikirchen und 7 Jahren als Pastor in einer eben solchen gehen mir doch einige Gedanken zum einen oder anderen Thema durch den Kopf. Ich habe immer mal wieder versucht, dem eine schriftliche Form zu geben, das ist mir nicht gelungen, deshalb schreibe ich einfach mal drauf los. Ich hoffe, es wird nicht zu verwirrend.
Zwei Bücher haben mich in der letzten Zeit doch ziemlich grübeln lassen. Das eine war das Buch “Mere Churchianity” (zu deutsch etwa: “Kirchentum schlechthin”, angelehnt an C.S. Lewis’ Buchtitel “Mere Christianity”) des inzwischen an Krebs verstorbenen”Internet Monk” Michael Spencer. Das andere war das Buch “Gemeinsames Leben” von Dietrich Bonhoeffer – einem Autor, den ich gerade in unserem augenblicklichen Jüngerschaftsprojekt in der Gemeinde ganz neu schätzen gelernt habe, für seinen theologischen Scharfsinn und Durchblick und seine Art, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, wenn’s zur Sache geht.
Ich mag, nur so am Rande, das Wort “evangelikal” nicht. Es ist ein nichtssagender Kunstbegriff; in den USA fasst er wohl die Gesamtheit aller zusammen (mit ein paar extrem Fundi-Ausnahmen), die irgendwie “born again” sind und sich nicht explizit zur charismatischen Bewegung zählen. In Deutschland wird er oft verwendet, um alle Gemeinschaften und Freikirchen zusammenzufassen, die irgenwo zwischen den Brüdern und der Pfingstbewegung stehen, oft wird der Begriff auch als Abgrenzung von denselben benutzt. Ich persönlich halte es mehr mit dem Wort “pietistisch”, denn aus dieser Tradition stammen letzten Endes zumindest die Gemeinschaften und es ist immerhin nicht nur ein Wort, sondern auch eine Tradition, die ihre Wurzeln in der deutschen Geschichte hat.
Da diese Gedanken auch voraussichtlich sich in mehreren Postings äußern werden, eines noch zuvor: Ich will nicht anklagen, Frust abladen oder zynisch auf andere herabsehen – ich äußere nur Wahrnehmungen und Irritationen. Und ich bin mir voll bewusst, dass es eben nur meine subjektive Wahrnehmung ist.
Und nun: Zurück zum eigentlichen Grübeln. Steigen wir mal mit einigen Zitaten von Dietrich Bonhoeffer ein:
... wer seinen Traum von einer christlichen Gemeinschaft mehr liebt als die christliche Gemeinschaft selbst, der wird zum Zerstörer jeder christlichen Gemeinschaft, und ob er es persönlich noch so ehrlich, noch so ernsthaft und hingebend meinte.
[...]
Es geht in der christlichen Gemeinschaft mit dem Danken, wie sonst im christlichen Leben. nur wer für das Geringe dankt, empfängt auch das Große. Wir hindern Gott, uns die großen geistlichen Gaben, die er für uns bereit hat, zu schenken, weil wir für die täglichen Gaben nicht danken. [...] Wie kann Gott aber dem Großes anvertrauen, der das Geringe nicht dankbar aus seiner Hand nehmen will? Danken wir nicht täglich für die christliche Gemeinschaft, in die wir gestellt sind, auch dort, wo keine große Erfahrung, kein spürbarer Reichtum, sondern wo viel Schwäche, Kleinglauben, Schwierigkeit ist, beklagen wir uns vielmehr bei Gott immer nur darüber, dass alles noch so armselig, so gering ist und gar nicht dem entspricht, was wir erwartet haben, so hindern wir Gott, unsere Gemeinschaft wachsen zu lassen nach dem Maß und Reichtum, der in Jesus Christus für uns alle bereit liegt.
Das Buch “Gemeinsames Leben”, aus dem dieser Auszug ist, entstand ironischerweise auf Geheiß der Behörden im Dritten Reich: Bonhoeffer sollte schriftlich Auskunft über Wesen und Struktur seines Predigerseminars und der Lebensgemeinschaft in Finkenwalde geben.
Zwei Dinge sind mir bei dem Absatz wichtig: Zum einen, der Anspruch an mich selbst, nicht ständig auf den Defiziten und Macken der Gemeinschaft, in der ich mich befinde, rumzukauen. Wer schon mehrere Gemeinden hinter sich hat, der wird auf die Dauer finden, dass keine Gemeinde perfekt ist – es kann halt sein, dass man in der einen besser mit der Imperfektion leben kann als in der anderen. Gerade, wenn man in der Gemeinde Verantwortung trägt, kann es schnell passieren, dass man sich reflektiv aufs Negative und Schwierige konzentriert, weil es einen eben auch am meisten herausfordert. Da ist es manchmal, ganz ehrlich, eine Herausforderung für mich, dankbar für die Gemeinde zu sein. Und trotzdem: Ich weiß, dass Gott auch die “Troublemaker” liebt, und sollte für jeden dankbar sein, der Jesus nachfolgt.
Der zweite Gedanke reicht etwas weiter: Ist es nur meine subjektive Wahrnehmung oder meine diffuse Besorgnis oder kann man tatsächlich feststellen, dass in “evangelikalen” Gemeinden (ich verwende den Begriff jetzt einfach mal) sich das Gemeindeleben und vor allem die Gottesdienstgestaltung immer mehr zur Eventkultur hin bewegt, die eben ihre eigenen Ansprüche gebiert und nährt? Da sollte der Gottesdienst nicht vor 11.00 Uhr sein und nicht länger als eine Stunde dauern (eine mit eigenen Ohren gehörte Stilblüte: “Wenn der Gottesdienst länger als eine Stunde dauert, ist der ganze Sonntag hin.”), die Musik sollte peppig und zeitgemäß sein, die Predigt anschaulich, erhebend und vor allem nicht zu lang, der Raum schön dekoriert und und und. Und klar; grundsätzlich finde ich das alles ja auch nicht schlecht, sonst wäre ich als Pastor in diesem ekklesiologischen Umfeld wirklich fehl am Platz.
Trotzdem frage ich mich, wie viele von uns überhaupt noch als höchste Priorität für den Besuch des Gottesdienstes die Begegnung mit Gott haben. Die Offenheit, zu hören, was in der Predigt Gottes Rede für mich sein könnte, auch wenn sie vielleicht rhetorisch nicht der Burner ist. Und vor allem die Bereitschaft, sein eigenes Leben vom Wort Gottes prägen zu lassen – mit allem, was an praktischen Implikationen dazugehört.
Ok, der Gottesdienst ist sicher nur ein Aspekt der Gemeinschaft. Aber man kann das Prinzip auch auf die ganze Gemeinschaft ausdehnen (noch eine Stilblüte, mit eigenen Ohren gehört: “Was habe ich davon, in diese Gemeinde zu gehen?”). Auch irgendwie eine legitime Frage und doch, wie Bonhoeffer sagt, zerstörerisch, wenn sie zur Prämisse gemacht wird.
Pietistische Gemeinden und Persönlichkeiten haben sich jahrhundertelang durch eine große Treue zur Heiligen Schrift, durch Missionstätigkeit auch im eigenen leben und vor allem auch durch sozialdiakonischen Einsatz bewährt (ich nenne da mal Namen wie Francke, Wichern, Bodelschwingh und so weiter). Durch große Liebe zu Jesus, die sich im Alltag zeigte. Was ist auf der praktischen Ebene der Gemeinderealität davon noch übrig im Leben der Gemeinden? (keine mit einer hochgezogenen Augenbraue gestellte Suggestivfrage, sondern ehrlich gemeint)?
Bonhoeffer sagt weiter (sinngemäß), dass die christliche Gemeinschaft nicht zum Selbstzweck, sondern aus Jesus Christus heraus existiert; dass Jesus und sein Werk die Grundlage jeder Gemeinschaft sind. Und dass die Gemeinschaft keine Wellnessveranstaltung ist:
… Gott ist nicht ein Gott der Gemütserregungen, sondern der Wahrheit. Erst die Gemeinschaft, die in die große Enttäuschung hineingerät mit all ihren unerfreulichen und bösen Erscheinungen, fängt an, die ihr gegebene Verheißung im Glauben zu ergreifen.
Kurz gesagt: Der Wert einer Gemeinschaft offenbart sich erst dann, wenn sie sich offen und ungeschminkt mit den Herausforderungen des Zusammenlebens unterschiedlicher – und zeitweise schwieriger – Charaktere beschäftigt. Erst, wenn eine Gemeinschaft ihre Illusionen über sich selbst verliert, ist sie in der Lage, ganz auf Gott zu vertrauen.
Dulden, ausharren und Geduld. Die Fähigkeit, sich zugleich Realist und Visionär zu sein und viel Liebe zu den Menschen – das scheint mir in Finkenwalde gefragt gewesen zu sein. Ich meine, das könnten wir auch heute brauchen. Ich zumindest.
Ich hoffe, die Gedanken waren irgendwie nachvollziehbar. Fortsetzung folgt…
… dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s auch euch wohl. (Jer. 29,7)
Das ist zunächst mal eine Aufforderung von Jeremia an die Israeliten im Exil, nicht resignierend dazuhocken und die Zeit vergehen zu lassen, weil die Zeit des Exils begrenzt ist und weil das Wohl der Israeliten im Exil eben auch vom Wohl der Stadt und des Landes abhängt.
Der Satz wird häufig aber auch verwendet, wenn es darum geht, wie Christen zur weltlichen Obrigkeit stehen sollten. Unabhängig davon, ob ich deren politische Positionen teile oder nicht, sind wir aufgerufen, für die Menschen zu beten, die politische Verantwortung tragen – gleich an mehreren Stellen der Bibel.
Das brachte in der hiesigen Gebetswoche der Evangelischen Allianz den Prediger der Landeskirchlichen Gemeinschaft Bad Vilbel auf die Idee, mal aus den eigenen Wänden rauszugehen und für Menschen zu beten, die Verantwortung für die Stadt tragen, und die Dienst zu unserer Sicherheit leisten.
Bei der Feuerwehr nahm uns ein Feuerwehrmann in Empfang, ging mit uns in einen Schulungsraum und sagte uns, wofür wir beten könnten. Was wir dann auch gemacht haben. So weit ich das wahrnehmen konnte, hat er sich sehr über diese Wertschätzung seines Dienstes gefreut.
Bei der Polizei war die Stimmung zunächst etwas frostiger. Das kann auch mit der dienstlichen Überlastung zu tun haben: Das sind einfach zu wenig Leute, miese Arbeitszeiten und, naja, wenig Anerkennung. Da haben wir dann im Flur gebetet, und die Stimmung wurde etwas besser; der Beamte, der auf uns “aufpasste”, hat sich für das Gebet bedankt.
Der Bürgermeister bat uns in den Sitzungssaal und lud uns zum Kaffee ein. Der Vilbeler Bürgermeister, muss ich dazu sagen, ist engagierter Katholik und hat sich über das Anliegen, für die Stadt zu beten, sehr gefreut. Er nannte uns Punkte, die wir im Gebet bedenken könnten und sagte uns nach der Stunde, die wir da waren, dass ihm das wirklich etwas gegeben hätte.
Auf Fotos oder Erwähnung in der Lokalpresse haben wir bewusst verzichtet, es ging uns ja nicht um Publicity, sondern um das Gebet für diese Leute. Und ich kann mich erinnern, dass mein Kollege und ich vor dem Tag ziemlich Bammel hatten und wie fröhlich wir nach den Besuchen nach Hause gefahren sind. Mit der Erfahrung, dass es sich lohnt, zu den Leuten hinzugehen und für sie zu beten! Weil es den Leuten gut tut und auch meine eigene Perspektive im Umgang mit den Bediensteten der Stadt / des Landes ändert.
Kann die Idee nur weiterempfehlen!
Herzliche verspätete Neujahrsgrüße an alle, die hier vorbeikommen. Bin zur Zeit nicht häufig hier, da die ganze Family krank darniederliegt. Ok, hört sich schlimmer an, als es ist, aber uns hat kollektiv eine fiese Erkältung mit allem drum und dran erwischt, zwei der Kids nehmen Antibiotika, weil es nicht mehr anders ging, die anderen klettern so gaaaanz langsam aus dem Erkältungsloch wieder heraus. Unglaublich, wie viel Kraft das kosten kann, wenn es die ganze Familie auf einmal krankheitsmäßig erwischt.
Trotzdem ein paar Momentaufnahmen aus meiner Umgebung:
- Nach viiielen, vielen Jahren liegt hier im Rhein-Main-Gebiet mal wieder Schnee, der länger als 1 Stunde liegen bleibt (mittlerweile über eine Woche, um genau zu sein). Und davon gleich ca. 20 cm. Ok, die Leute am Frankfurter Flughafen finden es weniger schön, aber meine Kids sind begeistert, selbst wenn sie aufgrund der Erkältungen nicht so viel davon hatten.
- Wir sind bei dem Wetter zu der Erkenntnis gelangt, dass die Anschaffung des Kaminofens goldrichtig war
- Es findet z.Zt. die “Allianz-Gebetswoche” statt. Das hat nichts mit der gleichnamigen Versicherung zu tun, eher mit der “Evangelischen Allianz”. Im Rahmen der Gebetswoche treffen sich Christen aus evangelischen Kirchen und Freikirchen (in unserem Fall nur die Christen aus der Landeskirchlichen Gemeinschaft und der FeG), um gemeinsam für ihre Gemeinden, die Stadt, das Land und Anliegen in der Welt zu beten. Eines der Tagesmottos der Woche war: “Zeuge sein – damit es der Stadt gut geht”. Das hat uns bewegt, mal nicht im Gemeindehaus (der Landeskirchlichen Gemeinschaft) zu beten, sondern mit einer Gruppe von Leuten erst zur Feuerwehr, dann zur Polizei und schließlich aufs Rathaus zum Bürgermeister zu gehen, um dort für die Belange der Bediensteten und der Stadt zu beten. Als ich das telefonisch organisierte, schlug mir von seiten der Polizei und der Feuerwehr erst einmal Irritation entgegen, die sich dann in freudige Erwartung umwandelte. Und ich hatte doch sehr den Eindruck, dass die Leute dankbar waren für den sichtbaren Ausdruck der Wertschätzung ihres Dienstes. War ein schönes Erlebnis. Morgen abend findet dann die gemeinsame Gebetsnacht statt, von 20.00 Uhr bis 0.00 Uhr, das ist immer ein Highlight der Gebetswoche.
- Bin gerade intensiv an den Vorbereitungen für: “Glauben.Leben.” – unser Jüngerschaftsprojekt in der Gemeinde. Das wird hier über die Predigten und über die Hauskreise laufen, um so viele aus der Gemeinde wie möglich mitzunehmen. Es geht darum, gerade im Jahr der Stille, den Schwerpunkt auf das Hören auf Gottes Stimme und auf sein Wort zu legen. Und ich bin mal gespannt, was am Ende des Jahres (das wird den größten Teil des Jahres beanspruchen) an Bilanz zu ziehen ist.
Euch allen auf jeden Fall ein gesegnetes neues Jahr, bin gespannt, was es von Euch alles zu lesen geben wird.
“Du kannst das Leben nicht verlängern noch verbreitern, nur vertiefen.” Gorch Fock
Ich werde mich im Laufe der kommenden Zeit, bedingt durch ein Projekt in unserer Gemeinde im nächsten Jahr, viel mit dem Thema “Jüngerschaft” beschäftigen. Das hat mehrere Gründe: Zum einen, weil das ja nun der Auftrag der Gemeinde ist: Menschen zu Jüngern zu machen (Matth. 28,19). Das heißt: Sie im Glauben anzuleiten, ihnen vorzuleben und beizubringen, wie Christsein im Alltag aussehen kann. Das fordert Geduld, Langmut und die Bereitschaft, sich nach Rückschlägen wieder zurecht helfen zu lassen.
Warum ist das wichtig? Weil ich denke, dass man sich in meinem Berufsstand oft mit Dingen rumschlägt, die eine Folge davon sind, dass eben doch das alte Leben mit frommem Anstrich weitergelebt wird, wo Jesus im Leben von Menschen nicht den entsprechenden Raum gewinnt. Und das sage ich nicht als Urteilender, das sage ich, weil ich es aus dem eigenen Leben kenne und auch immer wieder beobachten kann. Menschen, die Christen sind, die sich auch einsetzen fürs Reich Gottes – ob allein oder im Rahmen einer Gemeinde – aber wo sich im eigenen Leben wenig bis nix tut.
Zum anderen, weil ich es grundsätzlich immer für sinnvoll halte, sich Gottes Wort auszuliefern, es zu lesen, es durchzukauen (natürlich im übertragenen Sinne zu verstehen – Psalm 1 – “nachsinnen”); Gott selbst reden zu lassen in seinem Wort und im hörenden Gebet.
Bevor ich nun anfange, bestimmte Modelle durchzukauen, die mir sagen, wie mein Glaube auszusehen hat (und wie ich in einer bestimmten Anzahl festgelegter Arbeitsschritte dahin komme…), halte ich es für sinnvoll, sich selbst einmal wieder intensiv mit dem Wort Gottes zu beschäftigen. Und zwar von den Basics ausgehend.
Ich habe mir einige Jüngerschaftskurse/-projekte schon mal angesehen, die waren alle eigentlich auch ganz gut, aber keiner so richtig auf unsere Gemeinde zugeschnitten (klar – wie denn auch?). Deshalb werde ich die Einheiten selbst gestalten, mit viel inspirativer Hilfe von außen und (hoffentlich) von oben.
Eine Frage: Wenn Du den Begriff “Jüngerschaft” hörst, was fällt Dir dazu spontan ein? Gibt es Bereiche/Themen, die für Dich besonders wichtig sind? Bin jederzeit dankbar für verwertbaren Input!
Derzeit sind einige interessante Posts zum Thema Gemeindezucht im Umlauf, sehr zu empfehlen sind die Artikel von Dirk und vom Wegbegleiter Christof. Sehr empfehlenswert zu lesen, und da muss ich inhaltlich eigentlich nichts hinzufügen.
Mich beschäftigt das Thema auch immer wieder. Zum einen stört mich das Wort “Gemeindezucht”, weil es eben nicht darum geht, jemanden zu züchtigen (schon klar, das Wort wurde vor 50 Jahren noch ganz anders verstanden…), sondern jemanden zurück auf den richtigen Weg zu bringen, im positiven Sinne zurecht zu weisen. Deshalb ziehe ich das Wort “Gemeindekorrektur” vor. Ist allerdings noch kein etablierter Begriff im Gemeindesprech.
Wie gesagt, bei Gemeindekorrektur geht es in erster Linie darum, jemanden, der in Sünde gefallen ist, wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Durch ein Gespräch unter vier Augen, durch ein Gespräch mit mehreren, durch Gespräche mit der Leitung der Gemeinde, durch viel Gebet und wie auch immer geartete Unterstützung (die aber nicht die Sünde unterstützen soll…). Am Ende der Kette steht irgendwann der Ausschluss aus der Gemeinde, der Entzug der Gemeinschaft.
Zur Zeit der ersten Christen hatte das harte Folgen: Wen auch immer das traf, der stand “draußen”. In geistlicher Dunkelheit. Der nahm nicht mehr an den Zusammenkünften der Gemeinde teil, war vom Abendmahl und überhaupt von der Gemeinschaft ausgeschlossen. Das war hart, gerade nachdem man Jesus im Rahmen der Gemeinde erlebt hatte. Der Ausschluss aus der Gemeinde wurde quasi als letztes Mittel der Seelsorge verstanden, um durch den Entzug der Gemeinschaft deutlich zu machen, was der Betreffende im Begriff war, aufs Spiel zu setzen.
2000 Jahre später sieht das etwas anders aus: Kommt es tatsächlich zum Ausschluss aus der Gemeinde, zuckt der Betreffende häufig mit den Schultern und geht halt in die nächste Gemeinde (Auswahl gibt es, zumindest in den Städten, ja genug). Der seelsorgerliche Effekt ist eher begrenzt, und man landet dann doch beim “Rausschmiss”. Was in den Gesprächen auch zu folgendem “Friss-oder-stirb”-Argument führt: “Entweder die Gemeinde akzeptiert, wie ich lebe, oder ich mach mich vom Acker…”
Klar, ein Ziel der Gemeindekorrektur, soweit sie bis zum Ausschluss aus der Gemeinde geht, ist ja auch, Schaden von der Gemeinde abzuwenden, der durch geduldetes Verhalten entsteht, das dem Wort Gottes offensichtlich widerspricht.
Trotzdem: Ich würde mir doch wünschen, dass wir den “Sünder” irgendwie mental und geistlich erreichen und zum Umdenken bewegen können. Das ist auch schon geschehen, aber es ist – leider – die Ausnahme …