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Ekklesiologische Grübeleien, Teil 1

Nach der Lektüre einiger Bücher und vielen Erfahrungen verschiedenster Art in fast 18 Jahren Zugehörigkeit zu evangelischen Freikirchen und 7 Jahren als Pastor in einer eben solchen gehen mir doch einige Gedanken zum einen oder anderen Thema durch den Kopf. Ich habe immer mal wieder versucht, dem eine schriftliche Form zu geben, das ist mir nicht gelungen, deshalb schreibe ich einfach mal drauf los. Ich hoffe, es wird nicht zu verwirrend.

Zwei Bücher haben mich in der letzten Zeit doch ziemlich grübeln lassen. Das eine war das Buch “Mere Churchianity” (zu deutsch etwa: “Kirchentum schlechthin”, angelehnt an C.S. Lewis’ Buchtitel “Mere Christianity”) des inzwischen an Krebs verstorbenen”Internet Monk” Michael Spencer. Das andere war das Buch “Gemeinsames Leben” von Dietrich Bonhoeffer – einem Autor, den ich gerade in unserem augenblicklichen Jüngerschaftsprojekt in der Gemeinde ganz neu schätzen gelernt habe, für seinen theologischen Scharfsinn und Durchblick und seine Art, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, wenn’s zur Sache geht.

Ich mag, nur so am Rande, das Wort “evangelikal” nicht. Es ist ein nichtssagender Kunstbegriff; in den USA fasst er wohl die Gesamtheit aller zusammen (mit ein paar extrem Fundi-Ausnahmen), die irgendwie “born again”  sind und sich nicht explizit zur charismatischen Bewegung zählen. In Deutschland wird er oft verwendet, um alle Gemeinschaften und Freikirchen zusammenzufassen, die irgenwo zwischen den Brüdern und der Pfingstbewegung stehen, oft wird der Begriff auch als Abgrenzung von denselben benutzt. Ich persönlich halte es mehr mit dem Wort “pietistisch”, denn aus dieser Tradition stammen letzten Endes zumindest die Gemeinschaften und es ist immerhin nicht nur ein Wort, sondern auch eine Tradition, die ihre Wurzeln in der deutschen Geschichte hat.

Da diese Gedanken auch voraussichtlich sich in mehreren Postings äußern werden, eines noch zuvor: Ich will nicht anklagen, Frust abladen oder zynisch auf andere herabsehen – ich äußere nur Wahrnehmungen und Irritationen. Und ich bin mir voll bewusst, dass es eben nur meine subjektive Wahrnehmung ist.

Und nun: Zurück zum eigentlichen Grübeln. Steigen wir mal mit einigen Zitaten von Dietrich Bonhoeffer ein:

... wer seinen Traum von einer christlichen Gemeinschaft mehr liebt als die christliche Gemeinschaft selbst, der wird zum Zerstörer jeder christlichen Gemeinschaft, und ob er es persönlich noch so ehrlich, noch so ernsthaft und hingebend meinte.

[...]

Es geht in der christlichen Gemeinschaft mit dem Danken, wie sonst im christlichen Leben. nur wer für das Geringe dankt, empfängt auch das Große. Wir hindern Gott, uns die großen geistlichen Gaben, die er für uns bereit hat, zu schenken, weil wir für die täglichen Gaben nicht danken. [...] Wie kann Gott aber dem Großes anvertrauen, der das Geringe nicht dankbar aus seiner Hand nehmen will? Danken wir nicht täglich für die christliche Gemeinschaft, in die wir gestellt sind, auch dort, wo keine große Erfahrung, kein spürbarer Reichtum, sondern wo viel Schwäche, Kleinglauben, Schwierigkeit ist, beklagen wir uns vielmehr bei Gott immer nur darüber, dass alles noch so armselig, so gering ist und gar nicht dem entspricht, was wir erwartet haben, so hindern wir Gott, unsere Gemeinschaft wachsen zu lassen nach dem Maß und Reichtum, der in Jesus Christus für uns alle bereit liegt.

Das Buch “Gemeinsames Leben”, aus dem dieser Auszug ist, entstand ironischerweise auf Geheiß der Behörden im Dritten Reich: Bonhoeffer sollte schriftlich Auskunft über Wesen und Struktur seines Predigerseminars und der Lebensgemeinschaft in Finkenwalde geben.

Zwei Dinge sind mir bei dem Absatz wichtig: Zum einen, der Anspruch an mich selbst, nicht ständig auf den Defiziten und Macken der Gemeinschaft, in der ich mich befinde, rumzukauen. Wer schon mehrere Gemeinden hinter sich hat, der wird auf die Dauer finden, dass keine Gemeinde perfekt ist – es kann halt sein, dass man in der einen besser mit der Imperfektion leben kann als in der anderen. Gerade, wenn man in der Gemeinde Verantwortung trägt, kann es schnell passieren, dass man sich reflektiv aufs Negative und Schwierige konzentriert, weil es einen eben auch am meisten herausfordert. Da ist es manchmal, ganz ehrlich, eine Herausforderung für mich, dankbar für die Gemeinde zu sein. Und trotzdem: Ich weiß, dass Gott auch die “Troublemaker” liebt, und sollte für jeden dankbar sein, der Jesus nachfolgt.

Der zweite Gedanke reicht etwas weiter: Ist es nur meine subjektive Wahrnehmung oder meine diffuse Besorgnis oder kann man tatsächlich feststellen, dass in “evangelikalen” Gemeinden (ich verwende den Begriff jetzt einfach mal) sich das Gemeindeleben und vor allem die Gottesdienstgestaltung immer mehr zur Eventkultur hin bewegt, die eben ihre eigenen Ansprüche gebiert und nährt? Da sollte der Gottesdienst nicht vor 11.00 Uhr sein und nicht länger als eine Stunde dauern (eine mit eigenen Ohren gehörte Stilblüte: “Wenn der Gottesdienst länger als eine Stunde dauert, ist der ganze Sonntag hin.”), die Musik sollte peppig und zeitgemäß sein, die Predigt anschaulich, erhebend und vor allem nicht zu lang, der Raum schön dekoriert und und und. Und klar; grundsätzlich finde ich das alles ja auch nicht schlecht, sonst wäre ich als Pastor in diesem ekklesiologischen Umfeld wirklich fehl am Platz.

Trotzdem frage ich mich, wie viele von uns überhaupt noch als höchste Priorität für den Besuch des Gottesdienstes die Begegnung mit Gott haben. Die Offenheit, zu hören, was in der Predigt Gottes Rede für mich sein könnte, auch wenn sie vielleicht rhetorisch nicht der Burner ist. Und vor allem die Bereitschaft, sein eigenes Leben vom Wort Gottes prägen zu lassen – mit allem, was an praktischen Implikationen dazugehört.

Ok, der Gottesdienst ist sicher nur ein Aspekt der Gemeinschaft. Aber man kann das Prinzip auch auf die ganze Gemeinschaft ausdehnen (noch eine Stilblüte, mit eigenen Ohren gehört: “Was habe ich davon, in diese Gemeinde zu gehen?”). Auch irgendwie eine legitime Frage und doch, wie Bonhoeffer sagt, zerstörerisch, wenn sie zur Prämisse gemacht wird.

Pietistische Gemeinden und Persönlichkeiten haben sich jahrhundertelang durch eine große Treue zur Heiligen Schrift, durch Missionstätigkeit auch im eigenen leben und vor allem auch durch sozialdiakonischen Einsatz bewährt (ich nenne da mal Namen wie Francke, Wichern, Bodelschwingh und so weiter). Durch große Liebe zu Jesus, die sich im Alltag zeigte. Was ist auf der praktischen Ebene der Gemeinderealität davon noch übrig im Leben der Gemeinden? (keine mit einer hochgezogenen Augenbraue gestellte Suggestivfrage, sondern ehrlich gemeint)?

Bonhoeffer sagt weiter (sinngemäß), dass die christliche Gemeinschaft nicht zum Selbstzweck, sondern aus Jesus Christus heraus existiert; dass Jesus und sein Werk die Grundlage jeder Gemeinschaft sind. Und dass die Gemeinschaft keine Wellnessveranstaltung ist:

… Gott ist nicht ein Gott der Gemütserregungen, sondern der Wahrheit. Erst die Gemeinschaft, die in die große Enttäuschung hineingerät mit all ihren unerfreulichen und bösen Erscheinungen, fängt an, die ihr gegebene Verheißung im Glauben zu ergreifen.

Kurz gesagt: Der Wert einer Gemeinschaft offenbart sich erst dann, wenn sie sich offen und ungeschminkt mit den Herausforderungen des Zusammenlebens unterschiedlicher – und zeitweise schwieriger – Charaktere beschäftigt. Erst, wenn eine Gemeinschaft ihre Illusionen über sich selbst verliert, ist sie in der Lage, ganz auf Gott zu vertrauen.

Dulden, ausharren und Geduld. Die Fähigkeit, sich zugleich Realist und Visionär zu sein und viel Liebe zu den Menschen – das scheint mir in Finkenwalde gefragt gewesen zu sein. Ich meine, das könnten wir auch heute brauchen. Ich zumindest.

Ich hoffe, die Gedanken waren irgendwie nachvollziehbar. Fortsetzung folgt…


Gott spricht …

… in letzter Zeit immer mal wieder auch zu mir altem skeptischem Zweifler-Sturkopp. Letzte Woche saß ich an der Predigtvorbereitung zum Thema “Gemeinschaft”. War etwas schwierig, nachdem ich in der letzten Zeit mit dem einen oder anderen in der Gemeinde etwas Stress hatte. Und ich fühlte mich, als ich mich hingesetzt hatte, total blockiert, zu dem Thema was zu schreiben. Nach etwa einer halben Stunde vor dem leeren Word-Dokument gab ich auf.

In der Nacht dann wachte ich um 2.15 Uhr auf, war glockenhell wach, und in meinem Kopf formierte sich der Gedanke: “Psalm 133″. Erst tat ich das als Müdigkeitserscheinung ab und versuchte, wieder einzuschlafen – aber nachdem mir das nicht mehr aus dem Kopf ging, stand ich auf und las nach. Und siehe da, im 133. Psalm stehen folgende Worte:

Ein Lied Davids, zu singen auf dem Weg nach Jerusalem. Wie wohltuend ist es, wie schön, wenn Brüder, die beieinander wohnen, sich auch gut verstehen! Das ist wie das gute, duftende Öl, aufs Haar des Priesters Aaron gegossen, das hinunterrinnt in seinen Bart bis zum Halssaum seines Gewandes.  Das ist wie erfrischender Tau vom Hermon, der sich niedersenkt auf den Zionsberg. Dort will der Herr seinen Segen schenken, Leben, das für immer besteht.

Ich war erst mal total platt und selbst ich dachte: Ok, das ist kein Zufall! Die Predigt schrieb sich am anderen Tag fast wie von selbst (naja, die Tasten am Laptop musste ich dann schon noch selbst drücken…) :-)

Anderes Erlebnis gestern nachmittag. Ich hatte in den vergangenen Jahren das Rauchen schon mal gesteckt. Unter anderem vor 2 Jahren meine Pfeifen in den Müll geworfen – was mir schwer fiel, denn ich habe mit großem Genuss Pfeife geraucht. Allerdings war ich in dem Bereich nicht ganz so konsequent und griff immer wieder mal zu Zigarillos. Eigentlich nicht viel und wirklich nur, wenn Zeit und Muße dafür da war. In den letzten Monaten wurde es allerdings deutlich mehr, und ich merkte, wie die Stäbchen für mich zum nötigen Stress-Ausgleich avancierten. Und das gegen den ausdrücklichen ärztlichen Rat – schließlich habe ich Bluthochdruck.

Gestern nachmittag hatte ich auf dem Spazierweg um den Häuserblock hier mal wieder einen Zigarillo in der Hand, genehmigte mir einige aufbauende Lungenzüge, als ein deutlicher Eindruck eben der vorhin beschriebenen Art sich in meinen Gedanken formte: “Ich möchte, dass Du das Rauchen endgültig steckst!” “Wie Du meinst, Herr”, war meine Antwort, und ich schmiss die angebrochene Packung (noch zu 3/4 voll!) in den nächsten Mülleimer.

Klingt irgendwie immer so großkotzig, wenn man sagt, dass Gott mit einem spricht – aber gerade in den oben genannten Fällen steht das selbst für mich außerhalb jeden Zweifels. Und das wird häufiger in der letzten Zeit, bin mal gespannt, was da noch so kommt…


aneinander teilhaben

Hier ein paar Gedanken zum zweiten Thema unserer Gemeinde-Predigtreihe. Da ging’s letzten Sonntag morgen ums Thema “Gemeinschaft”. Im NT wird dafür der Begriff “koinonia” verwendet, interessanter finde ich das dazugehörige Verb “koinoneo”. Lt. Wörterbuch heißt das so viel wie: “Anteil haben”.

Das ist natürlich eine wesentlich aktivere Bedeutung des Begriffes “Gemeinschaft”, als wenn man darunter lediglich die Ansammlung von ein paar Menschen versteht. Wer “koinonia” praktiziert, hat Anteil.

Zum einen als Gemeinschaft (oder Gemeinde) Anteil an Jesus. Am Sterben und der Auferstehung und an dem neuen Leben, das er den Menschen schenken will.

Und – zum anderen – Anteil aneinander. Sollte zumindest so sein. Klar, da ist die positive Seite des aneinander-Anteil-habens: Gemeinsames Gebet, Ermutigung, Trost, praktische Hilfe (z.B. beim Umzug, Kinderbetreuung u.ä. … alles schon selbst erlebt hier…), gemeinsame Gottesdienste. Aber – und das gehört zum Anteilnehmen auch dazu – auch der Dienst gegenseitiger Ermahnung. Nicht, um sich gegenseitig Anschisse zu verpassen, sondern, um dafür zu sorgen, dass man gemeinsam auf dem richtigen Weg bleibt. Das zumindest legt Galater 6,1 und 2 nahe:

“Wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.”

Sich gegenseitig die Lasten zu tragen, aufeinander zu achten, da gibt es in unserer Gemeinde – und bei mir selbst – Lernbedarf, gar keine Frage. Aber: Auch der lange Weg beginnt mit dem ersten Schritt …

Stichwort Gemeinschaft: Habe im Zuge der Vorbereitungen aufs Thema einen Text aus dem Buch “Gemeinsames Leben” von Dietrich Bonhoeffer gelesen, den ich sehr gut fand (zitiert bei “Leben mit Vision” von Rick Warren):

Wer seinen Traum von einer christlichen Gemeinschaft mehr liebt als die christliche Gemeinschaft selbst, der wird zum Zestörer jeder christlichen Gemeinschaft. [...] Danken wir nicht täglich für die christliche Gemeinschaft, in die wir gestellt sind, auch dort, wo keine große Erfahrung, kein spürbarer Reichtum, sondern viel Schwäche, Kleinglauben, Schwierigkeit ist; beklagen wir uns bei Gott vielmehr immer nur darüber, dass alles noch so armselig, so gering ist, so gar nicht dem entspricht, was wir erwartet haben, so hindern wir Gott daran, die Gemeinschaft wachsen zu lassen nach dem Maß und Reichtum, der in Jesus Christus für uns alle bereit liegt.

Wenn ich Bonhoeffer richtig verstehe, dann heißt das ja nicht, dass man Defizite in der Gemeinde nicht benennen sollte oder darüber sprechen sollte. Es geht vielmehr um meine eigene geistliche Haltung einer Gemeinschaft aus unvollkommenen, begnadigten Sündern gegenüber. Ich muss ja nicht für die Defizite danken – ich soll es aber wohl tun für die Menschen, die Gott mir zur Seite gestellt hat. Auch und gerade für die, die mir auf den Senkel gehen.

Dass es auch passieren kann, dass man sich von einer Gemeinschaft trennt, weil es einfach nicht mehr stimmt und passt, das kann vorkommen. Gar keine Frage. Und das kann verschiedenste Gründe haben. Und es gibt mehr als einen Moment, an dem wir an der Gemeinde leiden – innerlich und auch manchmal äußerlich. Und trotzdem: Die Entscheidung, ob ich klage und mich schmollend in die Ecke zurückziehe (was durchaus auch mal dran sein kann), oder ob ich anfange, Gott für die Gemeinschaft zu danken, wenn auch durch zusammengebissene Zähne – das macht oft den Unterschied, der Veränderung bewirken kann – bei mir und bei den anderen.


Die Kunst des Ermahnens

Wenn ich mich in meiner beruflichen Eigenschaft mit Menschen aus verschiedenen Gemeinden unterhalte, dann steht das Thema “Gemeinschaft” ganz im Vordergrund. Immer wieder wird Gemeinschaft eingefordert oder darauf hingewiesen, wenn sie nicht oder (dem Empfinden des Gesprächspartners nach) nur unzureichend in der Gemeinde vorhanden ist. Konkret wird dann der Wunsch geäußert, Beziehungen zu erleben, respektiert zu werden, die Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse durch die anderen in der Gemeinde; Trost, Hilfe und Beistand in Zeiten der Herausforderung. Alles schön und gut. Und sogar richtig. Aber eben nicht so ganz vollständig.

In der Bibel sehen wir gleich an mehreren Stellen, dass zu funktionierender Gemeinschaft im Sinne des Neuen Testaments eben auch Dinge wie Lehre und Ermahnung gehören. Kolosser 3,16, zum Beispiel:

“Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen…”

Gerade beim Thema “Ermahnung” stelle ich immer wieder fest, dass spätestens an diesem Punkt das Verlangen nach Gemeinschaft schlagartig aufhört. Und dass eine Grenze gezogen wird, die sagt: “Komm mir ja nicht zu nah! Wie ich meinen Glauben lebe, das ist meine Sache!” Das passt sicherlich ins gesellschaftliche Bild unserer Zeit; mit biblischer Gemeinschaft hat es wenig zu tun. Genausowenig wie die Einstellung: “Gut ist, was mir gut tut, wobei ich mich wohl fühle”. Sehr verbreitet, diese Einstellung – und einer der größten Hemmschuhe zum geistlichen Wachstum.

Vor allem liegt dieser Einstellung ein falsches Verständnis von Ermahnung zugrunde. Ein besseres Wort für “Ermahung”, nouthesia im Griechischen, ist der Begriff “Zurechtweisung”. Was in unserem Sprachgebrauch eigentlich so viel wie “Anschiss” bedeutet, ist in Wirklichkeit einer der wichtigsten seelsorgerlichen Dienste: Einem Menschen wiederspiegeln, dass er auf dem Holzweg ist und ihm helfen, den richtigen Weg wieder zu finden. Und das ist, richtig angewandt, ein Dienst der gegenseitigen Liebe und Fürsorge. Wenn mich ein Autofahrer nach dem richtigen Weg fragt, wäre es im Endeffekt ja auch nicht in Ordnung, ihm den falschen zu weisen, nur, weil der einfacher zu fahren ist.

Lehre und Ermahnung – in der richtigen Grundhaltung, nämlich Liebe zum Nächsten, ausgeübt – bringen mich dazu, mich selbst zu prüfen und zu hinterfragen. Dinge in meinem Leben auszumisten, die meiner Beziehung zu Gott im Weg stehen und mich am Wachsen hindern. Und sie berauben mich der Illusionen über mich selbst – immer ein heilsamer Prozess! Und von da an kann Gott in meinem Leben ungestört und ungehindert wirken…

Es sei noch hinzugefügt, dass gerade Ermahnung und Zurechtweisung ein sehr verantwortungsvoller geistlicher Dienst ist. Zu oft wird in unseren Gemeinden nur geschimpft, beleidigt, angegeriffen und sich über andere erhoben. Nicht zu Unrecht sagt Paulus: “Brüder und Schwestern, auch wenn jemand unter euch in Sünde fällt, müsst ihr zeigen, dass der Geist Gottes euch leitet. Bringt einen solchen Menschen mit Nachsicht wieder auf den rechten Weg. Passt aber auf, dass ihr dabei nicht selbst zu Fall kommt!” (Galater 6,1). Dazu gibt es ein gutes Mittel: Wer sich selbst seiner Unvollkommenheit und Fehlerhaftigkeit vor Gott bewusst ist, der kann mit Liebe auf den anderen zugehen, um mahnende Worte zu sprechen. Die zielen dann in der Tat darauf, die Gemeinschaft mit Gott wieder herzustellen und wachsen zu lassen, anstatt sich selbst über den anderen zu überheben.


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