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Zu Gast in einer fremden Welt: Tridentinische Messe in Frankfurt

Ich habe am letzten Sonntag abend mal einen schon länger gehegten Vorsatz umgesetzt: Ich wollte unbedingt mal an einer katholischen Messe im tridentinischen Ritus teilnehmen, rein aus Interesse und (um einen kleinen Verweis auf den Namen dieses Blogs anzubringen) aus Neugier. Habe schon viel darüber gehört und auch viel (gerade in Blogs gelesen), und da ich ungerne Dinge beurteile, mit denen ich mich nicht selbst befasst habe bzw. von denen ich nichts weiß, beschloss ich, mir das mal anzusehen.

Eine Messe dieser Art kann man in Frankfurt am Main in der Kirche St. Leonhardt (Am Mainufer, unweit des Römerberges) miterleben. Um 18.00 Uhr begann die Messe. Ich muss dazu sagen, dass ich in meinem Leben erst 4 Mal insgesamt in katholischen Gottesdiensten war und natürlich mit den Abläufen dementsprechend wenig vertraut bin. Was sitzen/stehen/knien anbelangte, folgte ich der ganz einfachen Regel: Orientier dich am Nachbarn.

Musikalisch begleitet wurde die Messe von einer Schola, die eine sehr schöne Atmosphäre in der Kirche schuf. Zwei Gemeindelieder wurden auch auf deutsch gesungen, und auch die Predigt (über die Anfrage der Menschen an Johannes den Täufer, ob er der Messias sei) war auf deutsch. Und nebenbei bemerkt, sie war echt gut.

Ich war zudem überrascht, wieviel ich doch von dem, was gesagt und gesungen wurde, verstehen konnte, als Nicht-Lateiner (hatte mal einen Crashkurs im Studium, den ich bald wieder abgebrochen habe, da ich mit Hebräisch und Griechisch schon genug am Hacken hatte. Ich fürchte, zu viel mehr als dem Niveau des geneigten Asterix-Lesers habe ich’s nicht gebracht…).

Klar, vieles blieb mir auch fremd. Und trotzdem: Abgesehen von den letzten Reihen, in denen ein ständiges Kommen und Gehen herrschte, war eine spürbare Atmosphäre der Ehrfurcht wahrzunehmen, etwas, was ich in vielen freikirchlichen Gottesdiensten oft vermisse. Man muss es der katholischen Kirche neidlos lassen: Die Kirchen und Gottesdienste sind bunter, farbenprächtiger und sinnlicher. (Wobei sich da auch in den protestantischen Freikirchen z.Zt. einiges ändert).

Um Spekulationen von vornherein zu vermeiden: ich habe nicht an der Kommunion teilgenommen. Das wäre zwar keinem aufgefallen, es ist aber für mich als Protestant und vor allem als Gast, der sich als solcher zu benehmen hat, selbstverständlich, davon Abstand zu nehmen. Ich kenne die unterschiedlichen Eucharistie/Abendmahlsverständnisse und lasse sie so stehen. Und mein Ziel war es nicht, zu provozieren, sondern zu beobachten.

Alles in allem eine schöne und interessante Erfahrung – die ich sicher mal irgendwann wiederholen werde. In der Zwischenzeit beschäftige ich mich mal damit, wie aus den Gottesdienstformen, die uns in der Bibel überliefert sind (die ja, wenn ich es richtig verstehe, sehr interaktiv waren) dieser Ritus (und all die anderen verschiedenen Riten) entstanden ist.


die Blogroll wächst

Wo wir gerade beim Thema Ökumene waren: Ich begrüße in der Blogroll Tiberius und Scipio, deren Blogs ich schon seit langem verfolge. Beide sind katholisch, und das gerne, aus tiefer Überzeugung und mit großer Freude. Auch wenn wir theologisch über viele Dinge anderer Ansicht sind, fand ich den Austausch immer sehr angenehm und respektvoll – eigentlich so, wie ich mir Ökumene wünsche. Herzlich willkommen!


Katholiken und das Reich Gottes

Ich hatte in der letzten Zeit einige eher unangenehme Diskussionen mit einigen Zeitgenossen, die sich im vollzeitlichen Wächteramt wähnen. Sprich: Die ihre primäre Aufgabe darin sehen, darauf hinzuweisen, was die Gemeinde alles geistlich falsch macht, wo der Zeitgeist Platz in der Gemeinde erobert, wo die Gemeinde sich abgrenzen sollte etc…

Eines der Gespräche drehte sich um das ökumenische Engangement, gemeinsam mit anderen Kirchen wie z.B. in der schon erwähnten Chagall-Woche. Stein des Anstoßes war vor allem die Zusammenarbeit mit der örtlichen katholischen Kirche. Katholiken, so das Credo, könnten per se keine Christen sein, da sie “Totenkult” betreiben würden (gemeint ist damit wohl die Verehrung der Heiligen in der kath. Kirche), da sie Maria anbeten würden, und sie könnten auf keinen Fall im Reich Gottes dabei sein - und den Rest der Argumente hab’ ich vergessen. (Und eine Randnotiz an meine lieben katholischen Freunde und Leser: Nehmt das nicht zu ernst – denkt daran: jede Kirche hat ihre eigenen Freaks…). Es war mir dann auch irgendwann zu doof, weil es einfach nicht möglich war, das Gespräch auf einer sachlichen Ebene zu führen.

Ich bin kein Katholik, und ich werde voraussichtlich auch keiner werden. Ich unterscheide mich in einigen zentralen Lehren von der katholischen Kirche. Trotzdem kenne ich viele Beispiele vorbildlicher und hingegebener Christen aus der katholischen Kirche, von denen ich mir oft eine Scheibe abschneiden könnte. (Dasselbe gilt natürlich auch für andere Konfessionen und Denominationen). Ich habe auch von katholischen Theologen, nicht zuletzt vom gegenwärtigen Papst, viel gelernt und mit Interesse und oft Begeisterung ihre Bücher gelesen. Vielleicht, weil viele von ihnen beim Schreiben nicht so viel pseudowissenschaftlichen Dünkel mitbringen wie viele ihrer protestantischen Kollegen.

Was mich maßlos ärgerte, war der Spruch: Katholiken könnten nicht im Reich Gottes dabei sein. Wer, bitteschön, sind wir denn, dass wir das zu entscheiden hätten? So weit ging ja selbst Martin Luther nicht. Jesus hat uns ausdrücklich untersagt, Urteile dieser Art zu fällen (Matth. 7,1; Luk. 6,37 und so weiter). Wer ist im Reich Gottes dabei? Darauf hat Jesus eine eindeutige Antwort gegeben:

Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5.Mose 6,5; 3.Mose 19,18). Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.

Ich kann hier nicht lesen: “Du sollst der richtigen Konfession angehören” (oder im umgekehrten Sinne nicht der falschen). Selbst die katholische Kirche gesteht den Protestanten, obwohl sie ihnen das “Kirche im eigentlichen Sinne” sein abspricht, immerhin den “Ehrentitel eines Christen” zu und redet sie mit “Brüder im Herrn” an (“Unitatis redintegratio“, Dekret des 2. Vatikanischen Konzils über den Ökumenismus). Das ist – im Vergleich zu manchen evangelikalen Sichtweisen auf die kath. Kirche schon bemerkenswert.

Gott mit meinem ganzen Sein zu lieben und konsequent zu tun, was daraus folgt - darauf kommt es an. Und wie sich das in der Praxis gestaltet, das kann ja ganz unterschiedlich sein (auch wenn es natürlich Grundlagen und Fundamente des christlichen Glaubens gibt, bei denen es keine Kompromisse geben kann…). Ich muss mir immer wieder in Demut zugestehen, dass meine Erkenntnis, auch meine eigene Erkenntnis über Gott, Stückwerk ist (1.Kor 13,9).

Deshalb hier mein Vorschlag: Warum lassen wir die Frage, wer denn nun in Gottes neuer Welt dabei sein wird, im Umgang mit anderen Konfessionen nicht einfach ihn selbst entscheiden und konzentrieren uns darauf, das zu tun, was er uns in obigem Vers gesagt hat?


Die eine wahre Kirche

Ein interessanter Artikel in der jüngsten Ausgabe des Nachrichtenmagazins SPIEGEL widmet sich dem Thema “Ökumene”. Oder vielmehr der Abwesenheit derselben. Es geht um den evangelischen Pfarrer und Liedermacher Clemens Bittlinger, der mit seinem papstkritischen Lied “Mensch Benedikt” unter konservativen Katholiken in Deutschland Reaktionen hervorgerufen hat, die man schon lange nicht mehr für möglich gehalten hätte – bis hin zu relativ unverhohlenen Drohungen gegen Gesundheit und Unversehrtheit des Sängers.

Gut, Bittlinger hat seine eigene Art, sich mit der katholischen Dogmatik auseinanderzusetzen. Und manches wird auch ein bisschen undifferenziert aufs Korn genommen (Stichwort Missionsgeschichte). Aber grundsätzlich geht es natürlich um das Festhalten der – zumindest offiziellen – katholischen Kirche an ihrem Anspruch, die allein wahre und seligmachende Kirche zu sein.

Bittlinger bezieht sich dabei wohl auf die Erklärung “Dominus Iesus”, die der Papst veröffentlichte, als er noch Präfekt der Glaubenskongregation in Rom war. Die löste bei vielen protestantischen Kirchen einen empörten Aufschrei aus, weil Protestanten zwar durchaus als Christen bezeichnet wurden, aber eben nicht als Kirche im eigentlichen Sinne, und das sie erst dann zur Fülle des Heils gelangen könnten, wenn sie in den Schoß der Kirche (der katholischen natürlich) zurückkehren würden. Da landete Joseph Kardinal Ratzinger mit einer gewaltigen ekklesiologischen Arschbombe im ökumenischen Zierteich.

In der empörten Art des Protestes gegen diese Schrift tut man dem Papst allerdings unrecht: Dogmatisch gesehen hat er “Dominus Iesus” nicht aus eigener Feder formuliert, sondern nur die entsprechende Positon des 2. Vatikanischen Konzils wiedergegeben (z.B. aus der dogmatischen Konstitution “Lumen Gentium” oder noch mehr aus dem Konzilsdekret “Unitatis Redintegratio“, welches die Ökumene betrifft). Diese Position besagt, dass in den protestantischen Kirchen durchaus der Heilige Geist wirken könne und die Protestanten allein durch die Taufe immerhin schon den “Ehrennamen eines Christen” tragen dürften. Dafür ein herzliches Dankeschön nach Rom! ;-) Allerdings seien die protestantischen Kirchen keine “Kirchen im eigentlichen Sinne”.

Was ich persönlich nicht verstehen kann, ist, warum man auf protestantischer Seite so scharf darauf ist, in Rom als vollwertige Kirche anerkannt zu werden. Mir ist das relativ schnuppe, weil ich weiß: Nicht der Papst (so sehr ich ihn auch als scharfsinnigen und standfesten Theologen schätze) entscheidet, wer Kirche ist und wer nicht, sondern Gott selbst. Und “katholisch” ist bei Gott kein konfessioneller Begriff, sondern bezeichnet die Gesamtheit aller Menschen, die Jesus mit ihrem ganzen Leben nachfolgen. Egal in welcher Kirche oder Gemeinde. Deshalb: Es kommt nicht darauf an, ob Du zu einer bestimmten Kirche oder Gemeinde gehörst oder nicht. Aber es kommt sehr wohl darauf an, ob Du zu Jesus gehörst! Deshalb, als Ratschlag an alle protestantischen Christen und auch an Clemens Bittlinger im Bezug auf die offizielle Haltung der katholischen Kirche: Macht Euch locker! Wer Kirche ist und wer nicht, das wird nicht in Rom entschieden!


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