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Was wäre wenn …

… habe ich mich auch schon oft gefragt:

Irgendwie so wahr …


Ekklesiologische Grübeleien, Teil IV: Showtime!

In der letzten Ausgabe der Zeitschrift “Christsein heute” (die Gemeindezeitschrift der Freien evangelischen Gemeinden in Deutschland – muss man ja lesen als Pastor …) bin ich über einen Artikel meines Kollegen Wolfgang Kraska, seineszeichens Pastor der FeG Karlsruhe gestolpert. Der Artikel trägt die Überschrift “Gemeindebeben”. Tagline: Warum es keine Bestandsgarantie für FeGs gibt. Und was wir darum tun sollten.

Der Artikel ist ein Versuch, das gesellschaftliche Umfeld, gerade das, in dem Kirchen und Gemeinden existieren, und die kirchliche Entwicklung der letzten Jahre zu analysieren und für das Gemeindemodell FeG in dieser Situation einen Platz zu finden. So weit, so gut.

Den “Volkskirchen” – gemeint sind die evangelische und die katholische – prophezeit er den baldigen Kollaps, oder zumindest den Verlust ihrer Privilegien bei absehbaren “neuen politischen Mehrheiten”:

“Wenn ein System in sich selbst widersprüchlich und marode ist, ist der Zusammenbruch unausweichlich. Wenn die Zeit dafür reif ist, bedarf es nur eines kleinen Anstoßes, um einen Dominoeffekt auszulösen. Man denke nur daran, wie erstaunt alle waren, dass die DDR in so kurzer Zeit völlig in sich zusammenbrach.”

Der Satz gehört zu einem Abschnitt, in dem der Traditionsabbruch in den Volkskirchen beschrieben wird. Wir sollten, so Kraska, uns darauf einstellen – ohne jede Häme.

Selbst wenn die Leute zu uns als protestantischen Freikirchen finden, ist für mich die Frage, ob sie da etwas “Besseres” vorfinden. Vor allem, wenn ich Wolfgang Kraskas später folgenden Satz lese, in dem es um den Stand der Freikirchen in der Postmoderne geht:

“… doch heute wendet sich das Blatt. Wir sehen neben den taufrischen Neugründungen auf einmal ziemlich alt aus und erleben, dass Menschen aus unserem Umfeld von uns weggehen. Man mag das zu Recht völlig ungeistlich finden. Tatsache ist aber, dass heutzutage auch Gemeinden gewissen “Gesetzen des Marktes” unterliegen. Wir werden uns damit abfinden und uns darauf einstellen müssen.”

Wolfgang Kraska meint das (vermutlich) im Hinblick auf die demografische Entwicklung innerhalb der FeG’s – was Zugänge und Weggänge anbelangt. Aber er zeichnet – unbewusst – ein realistischeres Bild des gesamten evangelikal-pietistischen Spektrums in Deutschland, als ich es bis jetzt gelesen oder gehört habe. Die primäre Frage ist sehr häufig eben nicht mehr die nach der Gottesbegegnung oder einem Leben, das Gott ehrt oder einer Gemeinschaft, in der man durch Ermutigung und Ermahnung wachsen kann. Die Frage ist eher sehr oft die, wo die eigene Erwartung bezüglich Uhrzeit, Gottesdienstlänge, Musik, Grundtonus der Predigt etc… am ehesten meinen persönlichen Vorstellungen entspricht.

Müssen wir uns tatsächlich auf “Gesetze des Marktes” einstellen? Hat schon mal jemand drüber nachgedacht, was an praktischen Implikationen aus dieser These folgt? Dass die Gemeinden von vornherein im Vorteil sind, die über die coolste Musik, den hippsten Prediger, die ansprechendsten Räume und so weiter verfügen? Und die – wie im Bundesliga-Fußball – einfach die finanzkräftigsten Sponsoren haben, um so was auf die Beine stellen zu können?

Mir macht der ganze evangelikale Zirkus, ehrlich gesagt, zunehmend Sorgen. Die Ansprüche an die äußerliche Gestaltung z.B. von Gottesdiensten und der “Dienstleistungsanspruch” an die Gemeinden werden immer höher (wobei ich demütig zugeben will, dass das nur meine eigenen bescheidenen Erfahrungen sind); gleichzeitig nimmt die Bereitschaft, sich im Rahmen einer Gemeinschaft gegenseitig im Vertrauen zu öffnen und auch der Wille, sich von anderen in geistlich gesunder Weise korrigieren zu lassen, ab. Von ein und denselben Personen wird viel gefordert und wenig gegeben. Konsumentenmentalität. Und die Individualität wird hochgehalten: “Mein Leben – mein Glaube. Keiner quatscht mir rein.”

Ich frage mich: Was ist das Proprium einer Gemeinde dieser Prägung? Möglichst “hip” gestaltete Gottesdienste? Die Bude voll zu kriegen (was ja nicht falsch ist, so lange man weiß, was man verkündigt…)? Bei den Gemeindewachstumsstatistiken vorne zu liegen?

Mir fehlt eher Stille, Schlichtheit, Echtheit und Authentitzität, tiefe Gottesbegegnungen (nicht wildes Rumgehüpfe im Gottesdienst, eher was, was mein Leben auch unter der Woche ändert und prägt …) Ich hoffe sehr, dass wir das nicht auf dem Altar irgendeines postmodernen ekklesiologischen “Styles” opfern.


Treibgut

Ein nettes Fundstück:

“Die Kirche ist ein großes, altes Schiff. Sie ächzt, sie schaukelt und schwankt und manchmal löst sie bei dir Übelkeit aus. Aber sie segelt dem Ziel entgegen. Das hat sie immer getan und das wird sie immer tun, bis ans Ende der Zeit. Mit dir oder ohne dich.”

J.F. Powers, Wheat That Springeth Green

Gefunden in: Philip Yancey, Auf der Suche nach der perfekten Gemeinde


“Nachfolge” von Dietrich Bonhoeffer – keine leichte Kost…

Lese gerade den Klassiker “Nachfolge” des evangelischen Pfarrers und Märtyrers Dietrich Bonhoeffer. Das Buch beginnt mit einer Abhandlung über das, was er “billige Gnade” nennt. Hier mal ein Auszug:

Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. … Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, … Gnade ohne Preis, ohne Kosten.
… In dieser Kirche findet die Welt billige Bedeckung ihrer Sünden, die sie nicht bereut und von denen frei zu werden sie erst recht nicht wünscht. Billige Gnade ist darum Leugnung des lebendigen Wortes Gottes, Leugnung der Menschwerdung des Wortes Gottes. Billige Gnade heißt Rechtfertigung der Sünde und nicht des Sünders. Weil Gnade doch alles allein tut, darum kann alles beim alten bleiben. … Billige Gnade ist Predigt der  Vergebung ohne Buße, … ist Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden, ist Absolution ohne persönliche Beichte. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus.

Teure Gnade ist das Evangelium, das immer wieder gesucht, die Gabe, um die gebeten, die Tür, an die angeklopft werden muss. Teuer ist sie, weil sie in die Nachfolge ruft, Gnade ist sie, weil sie in die Nachfolge Jesu Christi ruft; teuer ist sie, weil sie dem Menschen das Leben kostet, Gnade ist sie, weil sie so das Leben erst schenkt; teuer ist sie, weil sie die Sünde verdammt, Gnade, weil sie den Sünder rechtfertigt. Teuer ist die Gnade vor  allem darum, weil sie Gott teuer gewesen ist, weil sie Gott das Leben seines Sohnes gekostet hat – ‘ihr seid teuer erkauft -’, und weil uns nicht billig sein kann, was Gott teuer ist. Gnade ist sie vor allem darum, weil Gott sein Sohn nicht zu teuer war für unser Leben, sondern ihn für uns hingab. Teure Gnade ist Menschwerdung Gottes.

Starker Tobak. Aber nur der starke Tobak ist bekanntlich aromatisch und erfüllt den Raum mit Duft – das kann ich als ehemaliger Pfeifenraucher bestätigen. Und nur leichte Kost macht auf die Dauer nicht satt.

Bin mal gespannt, was mich in dem Buch noch so erwartet…


Und noch mal das Thema Ökumene

Ich vertrete normalerweise den Grundsatz, nicht auf anderen Kirchen oder Glaubensgemeinschaften rumzuhacken, allen mit Respekt zu begegnen und auch meine Kollegen nicht in die Pfanne zu hauen. Gelingt mir im Allgemeinen auch ganz gut. Nur – ich muss gestehehen, dass es mir die Evangelische Kirche von Zeit zu Zeit echt schwer macht. Sei es mit der Herausgabe der so genannten “Bibel in gerechter Sprache”, sei es durch eine Predigt eines Superintendenten, der nach Lesung des Bibeltextes (was für ihn unübersehbar lästiges Vorgeplänkel war) uns 20 Minuten lang erzählte, warum es strukturelle Gewalt sei, wenn der Iran keine Atomwaffen haben dürfe, oder durch jüngste Ereignisse hier in der Stadt Bad Vilbel. Nun gut, ich kann nicht jede Ortsgemeinde dafür geistig haftbar machen, was in der EKHN abgeht, aber wenn ich ein klares biblisches Profil wahren will, sollte ich in der Zukunft mal lauter dazwischenrufen? Oder die Nummer ganz beenden? *Grübel…*

Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich bei Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche wesentlich weniger Magengrimmen habe und gerade am Überlegen bin, wie sich das alles in der Zukunft gestalten soll…


Wat machen wir nu mit der Ökumene?

Vor kurzem traf sich hier in Bad Vilbel noch einmal das Team der Chagall-Woche, um eine Nachbesprechung zu halten. Darin ging es u. a. um die Frage, was wir mit dem erwirtschafteten finanziellen Überschuss machen (ganz richtig: Es ist möglich, eine solche Veranstaltung zu machen und Überschuss zu erzielen – hat uns auch überwältigt…). Nach einigem Nachdenken war es unser einstimmiger Tenor, den der Klostermühle zukommen zu lassen. Das ist die Bibelschule, an der der Referent der Chagall-Woche, Heiner Eberhardt, tätig ist. Nun ist es so gekommen, dass die kath. Kirche hier in Bad Vilbel-Stadt (St. Marien in unserem Stadtteil ist nur eine Filialgemeinde, oder wie es so schön heißt “Seelsorgegebiet”) sich strikt gegen diese Spende an die Klostermühle aussprach und auch ankündigte, das kommende ökumenische Projekte ohne die Beteiligung der kath. Kirche stattfinden werden.

Grundsätzlich könnte ich das verstehen. Käme der Priester auf mich zu und würde den Rückzieher mit den Unterschieden im Kirchenverständnis oder im Eucharistieverständnis begründen oder mit der in protestantischen Kirchen fehlenden Verehrung von Maria oder der Ablehnung des Primates des Papstes, dann hätte ich das zwar bedauert, hätte die Entscheidung aber respektiert. Dass sich das jetzt am Thema “Geld” aufhängt, finde ich sehr schade.

Ich bin kein Vollblutökumeniker, das muss ich gestehen. Schon allein der Gründungsgottesdienst der ACK (Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen) gab mir doch einige Kröten zu schlucken (und das nicht nur von katholischer Seite…). Ich bin nicht jemand, der bereit ist, nur um des ökumenischen Zusammenseins willen zentrale Glaubensüberzeugungen oder meine geistliche Identität über Bord zu werfen. Und ich bin auch absolut nicht am Schmollen, weil der Papst meine Gemeinde nicht als vollwertige Kirche bezeichnet. (und, ich füge hinzu: Was theologische Unterschiede anbelangt – die gibt es von mir aus gesehen ebenso zu den ev. Landeskirchen…).

Um bei der katholischen Kirche zu bleiben: Es gibt vieles an dieser Kirche, was mich fasziniert. Gerade an ihren Mitgliedern, die ihren Glauben mit Freude und hingegeben leben. Ich schätze und achte ihren reichen Schatz an Tradition (auch wenn ich theologisch nicht alle Früchte dieser Tradition so teilen kann), und ich habe immer wieder sehr gute Gespräche mit katholischen Geschwistern. Das Lustige ist: die Gespräche sind umso besser, wenn wir unsere Unterschiede klar benennen, sie stehen lassen und uns trotzdem als Geschwister begegnen. Sie sind umso flacher, wenn mein Gegenüber von der “Wir-sind-doch-alle-eins”-Fraktion ist.

Hier in Bad Vilbel-Dortelweil haben wir einige gute Wege gefunden, ökumenisch in Erscheinung zu treten und dabei trotzdem unsere Identität zu bewahren. Die Chagall-Woche, die wir gemeinsam veranstaltet haben war nur ein Beispiel dafür (Im Eingangsbereich waren 3 Infotische aufgebaut, die jedem Besucher die Möglichkeit gaben, sich über die jeweiligen Gemeinden zu informieren…). Und das kam gut an bei den zunehmend entkirchlichten und infolgedessen entchristlichten Menschen hier in der Gegend. Ich bedauere es, dass die katholische Kirche aussteigt, auch wenn ich es akzeptieren muss.


Katholiken und das Reich Gottes

Ich hatte in der letzten Zeit einige eher unangenehme Diskussionen mit einigen Zeitgenossen, die sich im vollzeitlichen Wächteramt wähnen. Sprich: Die ihre primäre Aufgabe darin sehen, darauf hinzuweisen, was die Gemeinde alles geistlich falsch macht, wo der Zeitgeist Platz in der Gemeinde erobert, wo die Gemeinde sich abgrenzen sollte etc…

Eines der Gespräche drehte sich um das ökumenische Engangement, gemeinsam mit anderen Kirchen wie z.B. in der schon erwähnten Chagall-Woche. Stein des Anstoßes war vor allem die Zusammenarbeit mit der örtlichen katholischen Kirche. Katholiken, so das Credo, könnten per se keine Christen sein, da sie “Totenkult” betreiben würden (gemeint ist damit wohl die Verehrung der Heiligen in der kath. Kirche), da sie Maria anbeten würden, und sie könnten auf keinen Fall im Reich Gottes dabei sein - und den Rest der Argumente hab’ ich vergessen. (Und eine Randnotiz an meine lieben katholischen Freunde und Leser: Nehmt das nicht zu ernst – denkt daran: jede Kirche hat ihre eigenen Freaks…). Es war mir dann auch irgendwann zu doof, weil es einfach nicht möglich war, das Gespräch auf einer sachlichen Ebene zu führen.

Ich bin kein Katholik, und ich werde voraussichtlich auch keiner werden. Ich unterscheide mich in einigen zentralen Lehren von der katholischen Kirche. Trotzdem kenne ich viele Beispiele vorbildlicher und hingegebener Christen aus der katholischen Kirche, von denen ich mir oft eine Scheibe abschneiden könnte. (Dasselbe gilt natürlich auch für andere Konfessionen und Denominationen). Ich habe auch von katholischen Theologen, nicht zuletzt vom gegenwärtigen Papst, viel gelernt und mit Interesse und oft Begeisterung ihre Bücher gelesen. Vielleicht, weil viele von ihnen beim Schreiben nicht so viel pseudowissenschaftlichen Dünkel mitbringen wie viele ihrer protestantischen Kollegen.

Was mich maßlos ärgerte, war der Spruch: Katholiken könnten nicht im Reich Gottes dabei sein. Wer, bitteschön, sind wir denn, dass wir das zu entscheiden hätten? So weit ging ja selbst Martin Luther nicht. Jesus hat uns ausdrücklich untersagt, Urteile dieser Art zu fällen (Matth. 7,1; Luk. 6,37 und so weiter). Wer ist im Reich Gottes dabei? Darauf hat Jesus eine eindeutige Antwort gegeben:

Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5.Mose 6,5; 3.Mose 19,18). Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.

Ich kann hier nicht lesen: “Du sollst der richtigen Konfession angehören” (oder im umgekehrten Sinne nicht der falschen). Selbst die katholische Kirche gesteht den Protestanten, obwohl sie ihnen das “Kirche im eigentlichen Sinne” sein abspricht, immerhin den “Ehrentitel eines Christen” zu und redet sie mit “Brüder im Herrn” an (“Unitatis redintegratio“, Dekret des 2. Vatikanischen Konzils über den Ökumenismus). Das ist – im Vergleich zu manchen evangelikalen Sichtweisen auf die kath. Kirche schon bemerkenswert.

Gott mit meinem ganzen Sein zu lieben und konsequent zu tun, was daraus folgt - darauf kommt es an. Und wie sich das in der Praxis gestaltet, das kann ja ganz unterschiedlich sein (auch wenn es natürlich Grundlagen und Fundamente des christlichen Glaubens gibt, bei denen es keine Kompromisse geben kann…). Ich muss mir immer wieder in Demut zugestehen, dass meine Erkenntnis, auch meine eigene Erkenntnis über Gott, Stückwerk ist (1.Kor 13,9).

Deshalb hier mein Vorschlag: Warum lassen wir die Frage, wer denn nun in Gottes neuer Welt dabei sein wird, im Umgang mit anderen Konfessionen nicht einfach ihn selbst entscheiden und konzentrieren uns darauf, das zu tun, was er uns in obigem Vers gesagt hat?


Die eine wahre Kirche

Ein interessanter Artikel in der jüngsten Ausgabe des Nachrichtenmagazins SPIEGEL widmet sich dem Thema “Ökumene”. Oder vielmehr der Abwesenheit derselben. Es geht um den evangelischen Pfarrer und Liedermacher Clemens Bittlinger, der mit seinem papstkritischen Lied “Mensch Benedikt” unter konservativen Katholiken in Deutschland Reaktionen hervorgerufen hat, die man schon lange nicht mehr für möglich gehalten hätte – bis hin zu relativ unverhohlenen Drohungen gegen Gesundheit und Unversehrtheit des Sängers.

Gut, Bittlinger hat seine eigene Art, sich mit der katholischen Dogmatik auseinanderzusetzen. Und manches wird auch ein bisschen undifferenziert aufs Korn genommen (Stichwort Missionsgeschichte). Aber grundsätzlich geht es natürlich um das Festhalten der – zumindest offiziellen – katholischen Kirche an ihrem Anspruch, die allein wahre und seligmachende Kirche zu sein.

Bittlinger bezieht sich dabei wohl auf die Erklärung “Dominus Iesus”, die der Papst veröffentlichte, als er noch Präfekt der Glaubenskongregation in Rom war. Die löste bei vielen protestantischen Kirchen einen empörten Aufschrei aus, weil Protestanten zwar durchaus als Christen bezeichnet wurden, aber eben nicht als Kirche im eigentlichen Sinne, und das sie erst dann zur Fülle des Heils gelangen könnten, wenn sie in den Schoß der Kirche (der katholischen natürlich) zurückkehren würden. Da landete Joseph Kardinal Ratzinger mit einer gewaltigen ekklesiologischen Arschbombe im ökumenischen Zierteich.

In der empörten Art des Protestes gegen diese Schrift tut man dem Papst allerdings unrecht: Dogmatisch gesehen hat er “Dominus Iesus” nicht aus eigener Feder formuliert, sondern nur die entsprechende Positon des 2. Vatikanischen Konzils wiedergegeben (z.B. aus der dogmatischen Konstitution “Lumen Gentium” oder noch mehr aus dem Konzilsdekret “Unitatis Redintegratio“, welches die Ökumene betrifft). Diese Position besagt, dass in den protestantischen Kirchen durchaus der Heilige Geist wirken könne und die Protestanten allein durch die Taufe immerhin schon den “Ehrennamen eines Christen” tragen dürften. Dafür ein herzliches Dankeschön nach Rom! ;-) Allerdings seien die protestantischen Kirchen keine “Kirchen im eigentlichen Sinne”.

Was ich persönlich nicht verstehen kann, ist, warum man auf protestantischer Seite so scharf darauf ist, in Rom als vollwertige Kirche anerkannt zu werden. Mir ist das relativ schnuppe, weil ich weiß: Nicht der Papst (so sehr ich ihn auch als scharfsinnigen und standfesten Theologen schätze) entscheidet, wer Kirche ist und wer nicht, sondern Gott selbst. Und “katholisch” ist bei Gott kein konfessioneller Begriff, sondern bezeichnet die Gesamtheit aller Menschen, die Jesus mit ihrem ganzen Leben nachfolgen. Egal in welcher Kirche oder Gemeinde. Deshalb: Es kommt nicht darauf an, ob Du zu einer bestimmten Kirche oder Gemeinde gehörst oder nicht. Aber es kommt sehr wohl darauf an, ob Du zu Jesus gehörst! Deshalb, als Ratschlag an alle protestantischen Christen und auch an Clemens Bittlinger im Bezug auf die offizielle Haltung der katholischen Kirche: Macht Euch locker! Wer Kirche ist und wer nicht, das wird nicht in Rom entschieden!


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