“Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen; nackt werde ich wieder dahin fahren. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt!” (Hiob 1,21)
Bin gerade dabei mich auf eine Predigt zu diesem Text aus dem Buch Hiob vorzubereiten (wie ich schon mal erwähnt hatte). Ich muss gestehen, dass ich diesem Buch bis jetzt immer ausgewichen bin, weil ich es für nicht einfach zu predigen halte, will man mit der Kernaussage ehrlich bleiben.
Das Buch enthält einige, sagen wir mal, Unverschämtheiten. Hiob, ein wohlhabender, gutsituierter Mann mit einer großen Familie, der zudem noch sehr gläubig und gottesfürchtig ist, gerät unversehens in unvorstellbares Leid – er verliert in kurzer Zeit fast seine ganze Familie und seinen gesamten Besitz. Und warum das Ganze: Weil Gott und der Satan eine Wette eingegangen sind: Kann ein Mensch auch dann an Gott festhalten, wenn er in Leid gerät, selbst dann, wenn er alles verliert, was ihm lieb und teuer ist? Allein die Vorstellung, dass Gott sich auf so was einlassen könnte, befremdet.
Nun weiß ich, dass man gerade im Buch Hiob, einem sehr alten Buch der Bibel (manche sagen sogar, es sei das älteste überhaupt), vorsichtig sein muss, Dinge wörtlich zu deuten. Das Buch stellt eine Frage, die so alt ist wie der Glaube an Gott selbst: Aus welchem Grund leiden Menschen in dieser Welt und welche Rolle spielt Gott dabei? Stellt das Leid der Menschen nicht die Existenz Gottes in Frage? Die so genannte Theodizee-Frage. Auf die Hiob so gar nicht eingeht; dass Gott existiert, steht bei Hiob nie außer Frage. Die Frage ist vielmehr: Wer ist schuld am Leid Hiobs?
Hiob wird von 3 Freunden besucht, die ihm nacheinander ihre Erklärungsmodelle auf die Frage präsentieren. Alle diese Erklärungen verorten die Schuld am Leid Hiobs mehr oder minder bei ihm selbst. Der erste sagt, dass Gott Hiob für irgendetwas zurechtweist und erzieht. Der zweite meint, Hiobs Kinder hätten sich an Gott versündigt und deshalb wäre die Strafe über sie gekommen. Der dritte sagt: “Ganz klar, es ist Hiobs Sünde selbst, die das Leid über ihn gebracht hat”. Das sind so die gängigen Erklärungsmodelle, auch die christlichen, bei Leid. Schließlich muss das ja irgendwie logisch schlüssig erklärbar sein.
Das Problem, das wir haben, ist, dass es in der Realität eben nicht immer schlüssig zu erklären ist. Was soll ich einem jungen Ehepaar aus unserer Gemeinde sagen, dessen Kind unmittelbar nach langem Kampf um die Lebensfähigkeit des Kindes einige Stunden nach der Geburt stirbt? “Gott will euch damit erziehen?” oder “Vermutlich habt ihr irgendwo Sünde im Leben?” oder “Hättet ihr nur genug Glauben, dann wäre das nicht passiert?” Wenn ich einen dieser Sprüche ziehen würde, dann würde ich vermutlich ein paar aufs Maul bekommen (und das zu recht – das sind allesamt fiese seelsorgerliche Rohrkrepierer).
Mir blieb damals nur, fassungslos daneben zu stehen und zuzugeben, dass ich Gott in der Lage nicht verstehe. Und die Frage nach dem “Warum” nicht erklären kann. Und hier kommt die zweite “Unverschämtheit” des Buches Hiob: Als Hiob sich endlich durchringt, Gott zur Rede zu stellen und nach dem “Warum” zu fragen, bekommt er auf die Frage gar keine Antwort. Stattdessen lässt Gott ihn anhand eindrücklicher Beispiele einen Einblick in die Schöpfermacht Gottes nehmen.
Alles schön und gut, aber wo betrifft mich das? Als unser erstes Kind im Mutterleib verstarb, da war es mir scheißegal, wie groß der Leviathan ist, wo das Meer aufhört und wie die Gämse wirft. Da war nur Trauer da, Leere. Und die Frage nach dem “Warum”, obwohl ich kognitiv wusste, dass es darauf mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Antwort geben wird.
Mittlerweile ist das schon ein paar Jahre her und ich kann es mit Abstand betrachten. Für mich ist ein Schlüsselvers im Buch Hiob die Aussage, die er trifft, nachdem er die Macht Gottes gesehen hat:
Ich kannte dich ja nur vom Hörensagen; jetzt aber hat mein Auge dich geschaut. (Hiob 42,5; Gute Nachricht)
Was macht das für einen Unterschied? Für mich einen großen. So lange ich davon ausgehe, dass es Gottes Aufgabe ist, mir das Leben in dieser Welt so angenehm und problemlos wie möglich zu machen (und das ist eine Haltung, die ich bis jetzt ausschließlich unter Christen in den westlichen Industriestaaten angetroffen habe…), bleibt mir nichts anderes übrig, als mit Gott zu hadern und ihn in die Wüste zu schicken, wenn er meine Erwartungen nicht erfüllt.
Wenn ich dagegen lerne, ihn besser zu verstehen, ihm tiefer zu vertrauen; wenn ich mir der Größe und Macht Gottes bewusst werde – dann habe ich immer noch nicht die Antwort auf alle Fragen, aber ich kenne den, der sie hat. Und ich weiß, dass ich die Antworten eines Tages bekommen werde – falls ich dann überhaupt noch zu fragen beabsichtige.
Ich habe gelernt, dass es in der Welt, in der wir leben, Leid gibt, für das es keine schlüssige Erklärung gibt und keine Antwort auf die Frage nach dem “Warum?”. Allerdings auch, dass Gott da ist und ich in der tiefsten Trauer und dem größten Schmerz nicht verzweifeln muss. Und das ist auf lange Sicht, für mich persönlich zumindest, mehr wert als die Antwort auf die philosophische Frage nach der Existenz von Leid.
Wie gehst Du mit leidvollen Situationen um, gerade im Bezug auf Gott? Würde mich mal interessieren…
