Hier sitze ich also im Café in Spiekeroog und kann mit dem eigenen Rechner arbeiten – was für eine Erleichterung. Im Laufe dieses Postings finden sich auch einige Bilder, die ich in den letzten 2 Tagen gemacht habe. Diese Insel übt immer wieder eine eigenartige Faszination auf mich aus; nach spätestens 2 Tagen hat man sich an den langsamen, berechenbaren Lebensrhythmus gewöhnt. Hektik nützt nichts, weil sie einen aufgrund der fehlenden Mobilität (für Besucher ist selbst Fahrradfahren verboten, außer in begründeten Ausnahmenfällen) auch nicht weiterbringen würde. Außerdem kommt niemand hierher, um innerhalb von kurzer Zeit möglichst viele Sehenswürdigkeiten oder Touristenziele “abzubacken”, sondern um auszuruhen. Stille zu genießen. Vermutlich hat genau das die Besucherzahlen in den letzten Jahren stetig steigen lassen.
Ich beschäftige mich mit einigen Fragen, meine Berufung und meine eigene Beziehung zu Gott betreffend, vor allem, was Tiefe und Hingabe anbelangt. Ich hatte heute morgen schon eine schöne Zeit in der kath. Kirche, sie ist wie eine Art Zelt in die Dünen gebaut (Holzkonstruktion mit Kupferdach), der Altar ist der tiefste Punkt des Kirchenraums, die Sitzreihen sind halbkreisförmig drum herum aufsteigend angeordnet. Finde ich sehr angenehm. Und die Stille in dem Raum ist absolut herrlich, nur unterbrochen vom gelegentlichen Brausen des Windes und Möwen, die sich etwas näher am Gebäude befinden.
Das sind Zeiten, in d
enen ich merke, wie wichtig Stille für mich ist. Ich bin einer der Charaktere, die immer mal wieder Zeit für sich selbst brauchen, um Gedanken zu reflektieren und zu sortieren, um nachzudenken, zu beten, durchzuatmen. Zeit, sich frei zu machen von allen Einflüssen, Anforderungen und Reizen, denen man im Alltag ausgesetzt ist, um Kraft zu sammeln. Mein Vorbild dabei: Jesus selbst. Der hat sich öfters, gerade nach Begegnungen mit vielen Menschen, nach intensiven Gesprächen und Predigten und auch nach Wundern zum Beten alleine zurück gezogen. Nicht, um zu “chillen”, sondern um im Gespräch mit seinem Vater Nähe, Orientierung und Bodenhaftung zu behalten.
Vielen Menschen fällt das schwer, einfach mal eine Zeit nichts zu tun und auch nicht mit Freizeitaktivität sich abzulenken oder ablenken zu lassen (Und gegen solche ist auch zunächst mal nichts einzuwenden). Ruhe und Stille macht viele hibbelig, sie sind es gewohnt, zu arbeiten, sich zu unterhalten, sich medial berieseln zu lassen. Das fordert einen permanent und macht müde – das kann ich gerade in Bad Vilbel, in Großstadtnähe beobachten. Ich selbst bin als Kind geprägt worden von den zeitli
chen Abläufen, die ein landwirtschaftlicher Betrieb dem Leben so vorgegeben hat. Da war harte, schwere Arbeit dabei (im Sommer bis zu 12 Stunden…), aber auch Zeiten, in denen weniger zu tun war. Und der Sonntag war als Ruhetag heilig; da wurde nur das Vieh gefüttert und mehr nicht. Vielleicht sehe ich das im Nachhinein romantischer, als es tatsächlich war, aber irgendwie sehne ich mich manchmal nach diesem berechenbaren, ruhigen Leben zurück.Vor allem, wenn ich den Eindruck habe, die Aufgaben des Dienstes und des Alltags überrollen mich manchmal.
Da tut es gut, s
ich mal eine Woche “auszuklinken”. Ich mache das schon das achte Jahr in Folge und merke jedes Mal, wie ich in dieser Woche Kraft, Ruhe und Gelassenheit für die Zeit danach sammle. Auch wenn ich zuhause bin, tut es mir gut, mir mal einen Vor- oder Nachmittag (je nachdem, wann ich Zeit habe) für diese innere Neuausrichtung zu reservieren. Nicht zum Faulenzen, sondern um innere Positionsbestimmung vornehmen zu können.
Wie kannst Du Zeiten der Stille in Deinen Alltag integrieren? Darauf gibt’s keine Patentantwort, ich weiß nur, dass ein Mensch, der solche Zeiten nicht hat, irgendwann müde wird und, bei entsprechendem psychischen Profil, ausbrennt. Und das ist weder gut für den Betreffenden selbst, noch für seine Familie, noch – in meinem Beruf – für seine Gemeinde, es bringt Gott keine Ehre und vor allem: Jesus erwartet das nicht von uns. Was er von uns erwartet, ist, dass wir alles, was wir tun, zu seiner Ehre tun – und dazu gehört eben das Ausruhen, Nachdenken, Beten und geistliche Neuorientieren dazu…