Bei meinen Schwiegereltern habe ich vor kurzem das Buch “Merry Christmas” in die Hände bekommen und gelesen (Das Buch zum gleichnamigen Kinofilm mit Daniel Brühl, Diane Krüger und Benno Fürmann, den ich nicht gesehen habe). Das Buch erzählt von der Zeit des 1. Weltkrieges und beschreibt den sogenannten “Christmas truce” an den Weihnachtstagen des Jahres 1914. An mehreren Abschnitten der Front ruhte in diesen Tagen der Krieg und an einzelnen Orten kam es zu gemeinsamen Weihnachtsbegegnungen und -feiern der Kriegsgegner. Ich las das Buch, ohne mir bewusst zu sein, dass sich in diesem Jahr das Ende des 1. Weltkrieges zum 90sten Mal jährt.
In dem Buch wird drastisch die Hölle des Grabenkrieges im ersten Weltkrieg beschrieben. Wer heute noch die entsprechenden Orte in Ypern, Flandern oder auch in der Nähe der französischen Stadt Verdun besucht, sieht noch die Narben, die der Krieg in die Landschaft geschlagen hat. Und das war nur der Vorgeschmack; der Krieg, der über zwanzig Jahre später folgte, übertraf diesen noch an Grausamkeit.
Wenn ich in die Geschichte meiner eigenen Familie zurückblicke, dann fällt mir auf, dass es vor mir kaum eine Generation gab, die keinen Krieg erlebte. Meine Ururgroßeltern erlebten den Krieg von 1870/71 mit; mein Urgroßvater war Soldat im 1. Weltkrieg, mein Großvater im 2. Weltkrieg, und selbst mein Vater, Jahrgang 1940, konnte sich noch z.B. daran erinnern, dass die Kirchen der Dörfer von allierten Flugzeugen beschossen und zerstört wurden (was vor allem daran lag, dass die deutschen Truppen die Türme als Beobachtungsposten nutzten und damit die Kirchengebäude zum legitimen militärischen Ziel machten…).
Ich gehöre innerhalb meiner Familie zur ersten Generation, die aufgewachsen ist, ohne jemals Krieg erlebt zu haben. Ich zähle den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan mal nicht dazu, obwohl ich weiß, dass auch da Krieg geführt wird. Aber ein Krieg in der verheerenden Wirkung der Kriege, die in vergangenen Jahrhunderten hier geführt wurden, ist mir fremd.
Und dafür bin ich heute einfach mal dankbar. Ich weiß, dass auch in dem Land, in dem ich lebe, nicht alles Gold ist, was glänzt, dass wir vor beachtlichen sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen stehen und dass es viel zu verbessern gibt. Trotzdem – wenn ich in die Geschichte zurückblicke, dann bemerke ich, dass ein Zeitraum von über 60 kriegslosen Jahren in Europa eine Seltenheit war – wenn es ihn denn jemals vorher gegeben hat.
Ungeachtet aller Herausforderungen und Schwierigkeiten, vor denen wir in unserem Land stehen, danke ich Gott für die Tatsache, dass ich in Frieden leben darf. Dass ich (noch) meine Meinung frei äußern darf. Und dass ich auch um meines Glaubens willen nicht verfolgt oder in meiner Freiheit eingeschränkt werde. (Auch das ist in unserem Land ja noch nicht so lange her…). Ich möchte lernen, diesen Zustand als Geschenk aus Gottes Hand zu nehmen; nicht einfach nur als logische historische Entwicklung. Wenn ich das lerne, dann fällt es mir auch wieder leichter, mit Mut und Motivation innerhalb meiner Möglichkeiten dieses Land und unsere Gesellschaft mitzugestalten, die sicher nie perfekt sein wird, aber die ich an dem Platz, an dem ich stehe, durch konsequente Nachfolge Christi schon jetzt ein bisschen besser machen kann…