So, die Chagall-Woche ist vorbei (schloss mit einem schönen Gottesdienst vor knapp 400 Besuchern ab und mit Gedanken zum Thema “Passion” bei Marc Chagall) und ich bin platt. Habe mir den gestrigen Tag noch als freien Tag gegönnt und habe mit der Ältesten einen “Papa-Tochter-Tag” gemacht.
Gestern abend war Sitzung des Ältestenkreises und da hat mich der Gemeindealltag wieder. Wir befinden uns als Gemeinde in einem Prozess, in dem wir uns überlegen und auch vor Gott erfragen, was unser Platz als Gemeinde in dieser Stadt ist – und was unser Auftrag. Und wo unsere Potenziale liegen. Was dabei am Ende rauskommen wird, weiß ich selbst noch nicht so genau, aber es ist spannend, diesen Weg mitzugehen.
Ein Gedanke, der mich in der letzten Zeit immer wieder bewegt, ist der nach meinem persönlichen Verhältnis zu meinem Dienst. Ich bin mit vielen Ansprüchen konfrontiert, wie ein Pastor zu sein hat, was er drauf zu haben hat, wieviel Zeit er für die Gemeinde zu verwenden hat und zu welchen Tageszeigen / Wochentagen und so weiter. Um kein falsches Bild zu vermitteln, muss ich auch dazu sagen, dass die meisten Menschen in der Gemeinde uns sehr liebevoll begegnen und Ewartungen als Bitten und im freundlichen Tonfall äußern. Natürlich gibt es auch andere (zeitweise laute) Stimmen; aber das ist wohl in den allermeisten Gemeinden so. Und viele dieser Erwartungen sind ja nicht aus der Luft gegriffen, die Gemeinde hat ja nun mal einen Theologen für die vollzeitliche Aufgabe des Gemeindehirten engagiert, was natürlich bestimmte Aufgabenbereiche beinhaltet.
Was mich persönlich daran bewegt, ist die Frage: Wie soll ich denn als Pastor sein? Evangelistischer? Seelsorgerlicher? Ökumenischer? Organisierter? Aktiver? Die Liste mit Vorschlägen ließe sich noch beliebig verlängern. Mich hat das schon oft zu der Frage geführt, ob ich dem allem gewachsen bin, und ich kenne Zeiten der Verzagtheit, der schlaflosen Nächte und des grüblerischen Selbstmitleids. Und Zeiten, in denen ich den Eindruck hatte, das alles wächst mir über den Kopf.
Auch in den letzten Wochen machte ich mir einen Kopf darüber, wie ich den Ansprüchen einzelner aus der Gemeinde begegnen soll – inwiewieit sie berechtigt sind, wie ich mit unfreundlichem und verurteilendem Tonfall bei Kritik umgehe, wie ich es schaffe, andere im Glauben vorwärts zu bringen und und und… und was ich dafür konkret ändern bzw. tun muss. Gestern abend dann wieder mal so eine schlaflose Stunde, in der Gott einiges zu sagen hatte: Mit dem Hinweis auf Psalm 45 lag ich um 0.00 Uhr hellwach im Bett, stand auf, schlug in der Lutherbibel den Psalm auf und mein Blick fiel spontan auf den 5. Vers. Da steht:
Zieh einher für die Wahrheit, in Sanftmut und Gerechtigkeit, so wird deine rechte Hand Wunder vollbringen.
Ich muss dazu sagen, dass ich wirklich nicht jemand bin, der einfach die Bibel aufschlägt, den Finger auf einen Vers legt und denselben einfach mal so auf sich anwendet. Und ich sass gestern auch eine Weile da und war am Grübeln, ob das nicht nur ein Hirngespinst war, oder ob es Gott ist, der da zu mir spricht. Aber es passte einfach zu gut zu all dem, was mich in der letzen Zeit bewegt. Und es brachte mir eine unbeschreibliche Ruhe (und einen guten Schlaf…).
Richtig ist: Geh den Weg in Wahrheit, ohne auf Menschen herabzublicken und indem du dich um das kümmerst, was sie wirklich brauchen. Das muss vor allen externen Ansprüchen stehen: Sich auf das Wort Gottes zu gründen und von dort seine Identität und seinen Wert zu beziehen – und von daher sortiert sich der Dienst. Eigentlich weiß man so was ja schon als Dienstanfänger, aber es ist immer wieder gut, daran erinnert zu werden…
Ich glaube, es ist für mich dran, am Thema “Menschenfurcht” und deren Minderung in meinem Leben nachzudenken … und darüber, wer ich durch Gottes Gnade bin…
