Schlagwort-Archive: Worship

Ekklesiologische Grübeleien, Teil V: Anbetung

(Sorry an alle, die kein Englisch können).

Vor ein paar Wochen wies mich Tiberius auf dieses Video hin, in dem es ums Thema “Anbetung” und den Gebrauch dieses Wortes in der evangelikalen Gemeindekultur geht. Verbunden mit der Beobachtung, dass man diesen Begriff zu oft auf Bereiche wie Musik, spektakuläre Erlebnisse, Geistesgaben u.a. verengt, ohne das eigene Alltagsleben unter diesem Aspekt zu beachten bzw. zu gestalten.

Was die Musik und grundsätzlich die Gestaltung von Gottesdiensten anbelangt, so gibt es meiner Beobachtung eben nicht die eine wahre Lobpreis-Musik, die uns näher zu Gott bringt als andere Arten von Musik. Ich kenne eine ganze konfessionelle Bandbreite von Christen. Darunter gibt es welche, die die lateinische Messe bevorzugen und es gibt welche, die mit Freude und Gewinn charismatische Gemeinden besuchen (“charismatisch” zunächst mal im konfessionellen Sinn zu verstehen). Es gibt welche, die sind vom Gottesdienst-Erleben her sehr liturgisch geprägt, und solche, die die Gottesdienste relativ frei gestalten. Ich habe schon immer Trouble mit Aussagen gehabt, dass die eine Form des Gottesdienstes per se “besser” und “gesegneter” sei als die andere.

Was die persönlichen Präferenzen anbelangt, so sind meine Frau und ich schon allein ganz unterschiedlich: Meine Frau tankt geistlich auf, wenn sie in Gemeinschaft mit vielen anderen Gott lobt (und sie bevorzugt kontemporäre Lobpreislieder). Ich bin eher ein Typ, der ab und zu Ruhe braucht, um nachzudenken, Gedanken zu sortieren und Ruhe zum Beten zu haben. Und was die Musik anbelangt, so gibt es kaum eine Art von Musik, die mich innerlich so zur Ruhe bringt, wie geistliche Vokalmusik. In meiner Zeit auf dem Missionsschiff “Doulos” (die immer auf der Höhe waren, was die Entwicklung in der “Worship-Welt” anbelangte) hatte ich zwei CDs mit Gregorianischen Chorälen dabei; eine Musik, die mir viel innere Ruhe in einer hektischen Umgebung bescherte. Ich registriere, dass verschiedene Menschen auch ganz unterschiedlich sind in der Art und Weise, Gottesdienste im allgemeinen und geistliche Musik insbesondere zu erleben und dementsprechend zu “bewerten”, wenn man den Begriff mal benutzen darf.

Es gibt in dem Sinne meiner Beobachtung nach nicht den “einen richtigen” Weg, Gottesdienst zu feiern. Ich selbst kann Gott sowohl in einer lateinischen Messe als auch in den Gottesdiensten einer Freien evangelischen Gemeinde als auch im charismatischen Worship-Service begegnen. Wenn man von dem Aspekt der bloßen Äußerlichkeiten her über das Thema “Anbetung” diskutiert, finde ich, verfehlt man das Thema.

Der oben gezeigte Clip deutet in die richtige Richtung: Es kommt nicht darauf an, welche Musik ich bevorzuge, sondern darauf, wie ich mein Leben gestalte. Anbetung heißt eben nicht: Ich singe Musik, die ich richtig geil finde und bei der die Post abgeht. Sondern: Ich liefere mein ganzes Leben an Gott aus. Das beinhaltet sicher auch die Art und Weise, wie ich Gottesdienst feiere oder welche Musik mir näher liegt, erschöpft sich aber eben nicht da.

“Wenn ich die Sprachen aller Menschen spreche und sogar die Sprache der Engel,1 aber ich habe keine Liebe – dann bin ich doch nur ein dröhnender Gong oder eine lärmende Trommel.” (1. Kor 1,1) Ich glaube, das ist das Stichwort beim Thema “Anbetung”: Liebe. Gottes Liebe empfangen und sich mit Liebe und Dank an Gott wenden (das Abendmahl wurde schon in der ersten Christenheit nicht umsonst “Eucharistia” genannt, gr. für “Danksagung”) und diese Liebe in meinem Leben wirken lassen und an andere weitergeben. Das, finde ich, ist allein Herausforderung genug.

Anbetung ist Gehorsam. Nicht blinder preußischer Kadavergehorsam à la “Jawoll, Herr Hauptmann”, sondern Gehorsam, der aus empfangener, wirkmächtiger Liebe Gottes erwächst. Und wo das Realität im Leben eines Menschen ist, wo man jemandem abspüren kann: “Der lebt wirklich mit Jesus”, da ist es erst mal wurscht, welcher Konfession er angehört, in welchen Gottesdienst er geht und welche Musik er bevorzugt.

Wer dagegen unter Anbetung “Entertainment” versteht, der wird schwerlich etwas daraus gewinnen können – außer vielleicht einem zweistündigen emotionalen Kick am Sonntag morgen. (Eine Gefahr übrigens und ein Trend in der evangelikalen Landschaft: Dass die “Worship-Kultur” immer mehr zum Entertainment mutiert. Aber das wäre Stoff für ein Extra-Thema). Anbetung ist etwas, was unser ganzes Leben als Nachfolger Christi umfasst. Oder umfassen sollte.


Lobpreis mal anders

Wer braucht schon Instrumente für das Lobpreis-Team? Einfach jedem ein iPhone kaufen, die App “Garageband” laden, und los geht’s:

Nachtrag: Muss mich korrigieren, es ist nicht Garageband – das gibt’s nicht fürs iPhone. Es sind verschiedene Apps, was die Sache irgendwie noch cooler macht.


Gelesen: Lobpreis wie Popcorn

Bevor man in eine Diskussion über dieses Buch einsteigt, ein paar wichtige Bemerkungen vorweg:

1) Wer englischen Humor nicht versteht bzw. nicht lustig findet, der sollte die Finger von dem Buch lassen.

2) Wer Interesse hat, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, sollte sich von dem Titelbild nicht davon abhalten lassen. Sicher als Interesse weckende Provokation gedacht, geht es meines Empfindens nach schon über die Grenze der Verhohnepipelung (hoffe, das war ortographisch richtig…) hinaus. Schade. Denn der Inhalt ist ohne Frage lesenswert.

3) Dieses Buch ist nicht gegen Lopreis als Ausdruck der Anbetung oder im Bezug auf bestimmte Musikstile. Es fordert vielmehr auf, neu zu überlegen, wie man diesen Begriff praktisch füllt – auch und gerade in der Art und Weise, wie man in den Liedern die Worte wählt…

Nick Page geht der Frage nach, warum “so viele Anbetungslieder so wenig Sinn ergeben” (Coveruntertitel). In dem Buch beschreibt er einen persönlichen Zwiespalt, der auch mich hin und wieder bewegt.

Eigentlich mag ich Lopreismusik (wer übrigens mit diesem Begriff “Lobpreis” nichts anfangen kann: Damit ist im Zusammenhang mit der Diskussion in dem Buch stilmäßig kontemporäre geistliche Musik gemeint). Sie passt in unsere Zeit, sie baut – wenn man mal nur auf die Musik hört – kulturelle Barrieren zu Menschen ab, die sonst mit Kirche nichts am Hut haben, zumindest zu denen in meiner Umgebung (Erwachsene zwischen 30 und 45). So weit, so schön.

Aber so sehr ich die Musik schätze, so wenig nehme ich aus den Texten vieler Lieder mit. Das gilt, und das will ich betonen, bei weitem nicht für alle; es gibt viele Lieder, die mich auch textlich immer wieder aufbauen, ermutigen und trösten. Nur fehlt es mir oft an greifbarer Substanz. An – wie soll ich sagen – Schwarzbrot, irgendetwas zum (geistlichen) Kauen und Verdauen, das ich mit in den Alltag nehmen kann. Gott ist groß, er tut Wunder, wir stehen vor seinem Thron, sehen seine Herrlichkeit… Alles schön und gut, aber wo ist da der Bezug zu meinem Alltag? Ich bin ein Mensch, der auf der emotionalen Ebene anscheinend nicht so sehr ansprechbar ist, oder vielleicht gibt es da in meinem Leben auch noch die eine oder andere Blockade, ich nehme aber aus wohl gewählten und -durchdachten Texten viel mit, selbst dann, wenn sie anfragend oder herausfordernd oder ermahnend sind.

Gut; mir ist klar, dass textliche Brillianz innerhalb des doch eher vorgegebenen Versmaßes eines Lopreisliedes sich nicht unbedingt verwirklichen lässt. Aber bitte, liebe Texter: Etwas mehr als nur eine Zeile (oder einige wenige), die 20 mal wiederholt werden, dürfte es schon sein. Etwas mehr Bezug zum Alltag, etwas weniger “Insidersprache” und vor allem auch mal die Thematisierung der Schattenseiten des Lebens, Tod, Trauer, Verlust, das wäre schon nicht schlecht. Vor allem, weil es vielen Hörern aus der Seele spricht. Da kann ich mit dem, was Nick Page schreibt, mit.

Was ich teilweise für unnötig halte, sind die ständigen polemischen Zwischentöne, die selbst mir als geneigtem Leser englischer Literatur (und auch Versteher englischen Humors … denke ich zumindest …) doch zuviel sind. Und die – unbeabsichtigt, ich bin mir sicher – mehr als einmal den Zielpersonen der Ermahnung Mangel an geistlicher Tiefe, Sprachliche Inkompetenz und einen eher engen Blick auf das Spektrum geistlichen Lebens nahelegen. Gutes Thema (und ich bin dankbar dafür, dass ich mit meinem Erleben nicht allein stehe), aber ein Buch, bei dem man an manchen Stellen trotz einiger Irritationen einfach absichtlich weiterlesen muß.

Noch mal: Ich mag Lobpreismusik. Und ich teile die Aussage meiner Frau, dass man auch alte Choräle von Paul Gerhardt (den ich sehr schätze) durchaus hirn- und geistlos singen kann. Worauf es, gerade beim Thema Anbetung, ankommt, ist eben nicht nur das schmale Stückchen der Musik, sondern auf den ganzen Lebenskuchen. Auf die Kongruenz von Denken, Reden und Handeln im Leben eines Christen. Auf die Beziehung zu Gott und deren Auswirkungen in meinem Leben. Und das wäre ein weit wichtigeres Diskussionsthema als die schmale Detailfrage der Musik…


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.